Von Hansjakob Stehle

Rom

Wieder stehen die Zeichen auf Sturm – nur im Wasserglas? Windmacher in und um Italien scheinen recht zu behalten, wenn am 5. Dezember bei den kommunalen Stichwahlen die dreifarbige nationale Flamme, das Parteisymbol der Neofaschisten, zum Siegeszeichen wird. In Neapel besitzt die leibhaftige Mussolini-Enkelin Alessandra Gewinnchancen, in Rom sogar der Parteichef der Ultrarechten, Gianfranco Fini. Er wird gar massiv unterstützt von Berlusconi, dem milliardenschweren Herrn landesweiter Fernsehnetze, Verlags- und Kaufhausketten.

Ihm montierte die böse Konkurrenz auf Titelbildern sofort die schwarze Faschistenmütze auf den Kopf. "Schande!" empörte sich dagegen der 57jährige cavaliere, als er Ende voriger Woche vor der Presse aus der feinen Fassung geriet und gar Buhrufe der Journalisten erntete. Diese hatten ganz richtig zitiert, was Medienzar Berlusconi während der Eröffnung eines seiner Supermärkte verkündete, genau am Tag, nachdem 35 Prozent der Wähler in Rom für den Neofaschisten Fini gestimmt hatten: Er würde, falls er in Rom lebte, "nicht eine Sekunde" zögern und sich auch für Fini entscheiden, "weil dieser jene gemäßigten Kräfte vertritt, auf die ich mich bisher berufen habe".

Doch so sei das gar nicht gemeint gewesen, nur so "als Provokation" sei ihm das herausgerutscht – "in meiner Naivität als Unternehmer, erfahren in politischer Spitzfindigkeit, ahnungslos über die ideologische Vergiftung einer politischen Führungsschicht, die ein Gefangener der Vergangenheit ist". Unbedarft und naiv klang das freilich nicht. Die Furcht, daß die "exkommunistisch beherrschte", rotgrüne Linksallianz das entstandene Vakuum in Italiens politischer Mitte besetzen könnte, hat Berlusconi – wie manche anderen hochverschuldeten Wirtschafts-Waisen des christlich-sozialistischen Establishments – so stark ergriffen, daß ihm der Aufstieg einer (Hauptsache: unternehmerfreundlichen) Rechten als viel kleineres Übel erscheint. Faschismus? "Der ist doch begraben", ein Schreckgespenst, mit dem die Linke auf Stimmenfang geht. "Auch meine Familie war verfolgt", sagt Berlusconi, "mein Vater verbrachte zwei Jahre im Exil. Aber das ist doch seit fünfzig Jahren vorbei." Und dieser Gianfranco Fini? Ein anständiger, fähiger Kerl – Jahrgang 1952! – "bravissimo persona"...

Tatsächlich war Fini noch lange nicht geboren, als sich der Movimento Sociale Italiano (MSI) als neofaschistische Weihnachtsüberraschung 1946 dem verwirrten Nachkriegsitalien präsentierte; hervorgegangen aus der "Jedermanns"-Partei eines Komödienschreibers, bevölkert von verwaisten Monarchisten und nostalgischen Mitläufern jenes Benito Mussolini, der vor dem schmählichen Untergang noch eine "sozial-republikanische" Wiederkehr versucht hatte.

Zwar verbot ein italienisches Gesetz von 1947 – so wie die bis heute gültige Verfassung – eine Wiedergründung der faschistischen Partei "in irgendeiner Form". Aber im gleichen Jahr 1947 brauchten die Christdemokraten bereits die Stimmen der MSI-Kameraden, die im Schwarzhemd mit Faschistengruß auftraten. Dank ihnen zog damals schon kein roter Bürgermeister ins römische Rathaus auf dem Kapital.