Der 1904 geborene Andrzej Kusniewicz war schon fast sechzig, als er mit seiner souverän komponierten Prosa an die Öffentlichkeit trat; seither hat er ein umfangreiches, auch außerhalb Polens vielbeachtetes Romanwerk vorgelegt, dessen erzählerische Kühnheit und Originalität nicht nur in der polnischen Literatur seinesgleichen sucht. Zu den Raffinessen des mit allen Techniken und Tricks moderner Erzählkunst vertrauten Kusniewicz zählt der überaus einfallsreiche Umgang mit Gestalt und Perspektive seiner Erzähler. In seinem Roman "Tierkreiszeichen" (aus dem Polnischen von Renate Schmidgall; Suhrkamp, Frankfurt am Main; 330 S., 36,– DM) hat sich Kusniewicz dabei auf glückliche Weise über die Grenzen der Empirie hinweggesetzt. Die Geschichte von fünf Freunden, die 1939 in alle Welt zerstreut wurden, wird von diesen nachträglich in einer Art von telepathischem Gespräch über die Kontinente hinweg erzählt. Der jüdische Zahnarzt aus der amerikanischen Provinz, der polnische Aristokrat, der in Südafrika Safaris organisiert, der Lehrer in Warschau und zuletzt auch der in Westdeutschland gelandete Nationalukrainer erheben ihre Stimme zu einem polyphonen Roman, sie unterbrechen, korrigieren, ergänzen einander von Absatz zu Absatz, so daß ein facettenreiches Bild der ausgelöschten Welt Galiziens ersteht. Nur der fünfte im übernationalen Freundeskreis von gestern, der Deutsche, blendet sich in das große fiktive Gespräch nie ein, er bleibt stumm – und verschollen. Karl-Markus Gauß