Aufsehenerregende Erkenntnisse kommen ans Licht, in der düsteren Talsohle der Rezession. Die Tourismusindustrie hat den betrüblichen Nachrichten aus der Wirtschaft keine weitere hinzugefügt, sondern sich im Gegenteil forsch zum Krisengewinnler erklärt. "Bei der Pauschalreise findet die Rezession nicht statt", jubelte jüngst der Oberreiseleiter von Neckermann.

Nicht Autos oder Möbel kaufen wir in diesen schweren Zeiten, aber Reisen, Reisen, Reisen. Halb Deutschland läßt sich von der Reisebranche diesen Winter auf die Kanarischen Inseln verschicken. Hierzulande scheinen alle auf gepackten Koffern zu sitzen. Wundern Sie sich also nicht, falls in Ihrer Straße kein Schnee geschippt worden ist: Ihre Nachbarn sind bestimmt im Urlaub.

Demnächst steht Ihnen also wieder ein angeberischer Videovortrag ins Haus, bei dem Sie sich den ganzen Abend zu beifälligen Kommentaren wie "einmalig schön", "traumhaft" oder "hinreißend" genötigt sehen, aber sich nicht trauen zu fragen, wie sich diese Leute den Dritturlaub eigentlich leisten konnten.

Ein vierstelliges Guthaben auf dem Konto ist für die Flucht in den Süden jedenfalls nicht mehr erforderlich: Bei den Reiseveranstaltern kann man nämlich neuerdings anschreiben lassen. Wie schön die zwei Wochen auf Sri Lanka waren, daran erinnern noch zwölf Monate die Raten in Höhe von 271,66 Mark, mit denen die auf Pump gekaufte Reise abzustottern ist. Da hat man für die Urlaubsbräune noch zu blechen, wenn sie schon längst verblaßt ist.

Die Fluchthelfer aus dem Tourismusgewerbe haben uns also mal wieder rumgekriegt mit ihren ewig neuen Verheißungen von Badeparadiesen, Tropenparadiesen, Schneeparadiesen, Einkaufsparadiesen. Gerade haben wir all die paradiesischen Kataloge der Reisesaison 1993 entsorgt – in die große Rubrik "Sonne und Schnee von gestern". Der neue Jahrgang benötigt Platz.

Drei Tage war die Redaktion mit Leerung der Regale beschäftigt, in verklärter Betrachtung all der vierfarbigen Palmenstrände, Sonnenuntergänge und Fünf-Sterne-Hotels. Was uns die Branche in zwölf Monaten hochachtungsvoll, hochglänzend und in teilweise fünffacher Ausfertigung zusandte, hätte einen Charterjet ins Trudeln bringen können.

Aufbewahrt haben wir bei der Beseitigung des publizistischen Übergepäcks – als Highlight des Jahres – eine graphisch sehr gefällige Anzeige mit der ganz untypischen Schlagzeile "Haben Sie das verdient?" (übrigens eine pikante Anspielung auf den Slogan "Sie haben es sich verdient" des Branchenriesen TUI). Auf dem Photo darunter hockt eine typisch deutsche Kleinfamilie rat- und trostlos auf ihren Leichtmetallkoffern – irgendwo in der Pampa, von Kojoten umschlichen, doch von allen guten Geistern verlassen.