Von Klaus Hensel

Was wissen wir eigentlich über Sarajevo? Daß dort ein Weltkrieg seinen Anfang nahm? Daß vor knapp zehn Jahren olympische Winterspiele dort stattgefunden haben? Daß dort ein Krieg tobt, der uns via Fernsehen Tag für Tag in unserer Ohnmacht empört? Wissen wir etwas von dieser Stadt? Nicht wirklich. Medienwirksamer, sonst aber wirkungsloser Solidaritätstourismus von Mitterrand bis Susan Sontag vernebelt die Wahrnehmung dessen, was diese Stadt in ihrem Innersten ausmacht. Von CNN bis Juan Goytisolo: Der träge Fluß der Außenperspektiven scheint sich selbst und uns zu genügen. Sarajevo von innen aber ist etwas anderes – und Aufklärung über die Besonderheit dieses Ortes, dürfen wir freilich nur von einem echten Sarajlijer erwarten.

Wie kaum ein anderer scheint Dževad Karahasan, Erzähler und Essayist aus Sarajevo, dazu bestimmt zu sein, das Bild dieser Stadt zu vermitteln, unversehrt, so wie es in den Köpfen der Bewohner vorkommen mag, wenn sie die Augen schließen. Biographie und Bildung haben Karahasan diese Rolle vorgezeichnet: Er stammt aus einer muslimischen Familie, studierte bei den Franziskanern Latein und Griechisch, Philosophie und Theologie und ist verheiratet mit einer Serbin – ein (fast) typisches Lebensbild in Sarajevo. Bis vor kurzem war er dort Dekan der Akademie für szenische Künste. Sich selbst begriff er immer als Vermittler, gleichermaßen beheimatet in den philosophischen Arabesken orientalischer Kultur wie im intellektuellen Diskurs westlicher Prägung. Ein Roman und eine Sammlung von Essays sind Ausdruck dieser Verankerung in den so unterschiedlichen Welten.

Das "Tagebuch der Aussiedlung" ist eine Sammlung von Betrachtungen über bosnische Identität am Beispiel von Sarajevo. In behutsamen Bildern zeichnet Karahasan die Auswirkung des Krieges auf die inneren Koordinaten einer Kultur, die über Jahrhunderte gelernt hat, Offenheit und Toleranz gegenüber dem anderen, dem Fremden, nicht als Bedrohung, sondern als eine Bereicherung anzusehen. Die Zerstörung der friedlichen Nachbarschaft wird als eine Störung von außen empfunden, als eine Deregulierung eines urbanen Systems, in dem Multikulturalität nicht bloß Lippenbekenntnis war, sondern gelebte Realität. In der Mentalität seiner Bewohner war Sarajevo eine sich selbst zugewandte, von der Außenwelt abgeschirmte Stadt, die im Kern alles enthielt, was Welt ausmacht. Für Karahasan Grund genug, nicht das sichtbare Weichbild der Stadt zu beschreiben, sondern ihre Aura. Sarajevo ist ihm ein "Innenzentrum der Welt, das wie das Aleph von Borges alles in sich trägt, was war, was wird und was je sein kann". Was der Stadt jetzt widerfährt und von Karahasan an einzelnen Beispielen vorgeführt wird, liest sich wie ein Menetekel für Europa.

Die großen monotheistischen Religionen, die islamische, die katholische und die orthodoxe, bestimmten seit der Stadtgründung 1440 die Strukturen des Zusammenlebens. Ein halbes Jahrhundert später kam eine weitere große Buchreligion hinzu, als aus Spanien vertriebene Juden Zuflucht in der Stadt zwischen den Bergen fanden. Wie die Konfessionen existieren auch die Sprachen in einem permanenten Spannungsverhältnis nebeneinander: Man sprach türkisch und arabisch; bosnisch, kroatisch und serbisch; sephardisch oder spaniolisch; ungarisch, italienisch und deutsch. Das bosnischherzegowinische Kultursystem, das in Sarajevo seinen konzentriertesten Ausdruck fand, beschreibt Karahasan als einen dramatischen Prozeß: Die verschiedenen kulturellen und konfessionellen Elemente reflektieren sich in einem spannungsvollen Kontrast, ohne dabei ihre jeweilige Charakteristik zu verlieren. Das wichtigste Kennzeichen dieses Kultursystems ist die Absage an jede Form von nationaler Hierarchie: Muslimische, kroatische und serbische Identität stehen auf einer Stufe. Das Fremde wird als dazugehöriger Teil des Eigenen akzeptiert.

Anders als viele westliche Metropolen war Sarajevo kein Schmelztiegel. Keines seiner ethnokulturellen Elemente hat jenen Sog entwickelt und auch nicht den Druck, der eine Auflösung des einen im anderen bewirkt hätte. Folglich hat auch keine der ethnischen Gruppen die Position einer Minderheit einnehmen müssen. Der Pluralismus hat sich in Sarajevo als ein praktikables Wertesystem erwiesen. Auch wenn es jetzt nicht danach aussehen mag, hofft Dževad Karahasan, wird man sich in Sarajevo wieder daran erinnern. Die Vorstellung östlicher wie westlicher Chauvinisten, man könne Bosnien oder Sarajevo ethnisch auseinanderreißen, erscheint ihm absurd. Sollte es aber tatsächlich gelingen, wäre Bosnien tot. Und mit ihm auch diese besondere Form der kulturellen Koexistenz, dieses offene und zugleich geschlossene System des Miteinander, das sich auf allen Ebenen manifestiert, von der Architektur bis zur Gastronomie. Von diesem möglichen Verlust schreibt Dževad Karahasan, von der Verwandlung des wirklichen Sarajevo in das phantasmagorisierte Sajarevo der Erinnerung. "So wird Sarajevo, das eine innere Stadt in nicht-wörtlicher Bedeutung war, selbiges nun wortwörtlich, aufs dümmste wortwörtlich. Wortwörtlichkeit aber tut weh."

Ganz gleich von welcher Seite Karahasan an sein Thema herangeht, ob er sich um historische Details bemüht oder nur um die exakte Beschreibung eines kulturellen Ostwest-Mißverständnisses, die Lektüre seiner Essays ist ein intellektueller Gewinn und Genuß. In einem "Bosnischen Discours de la Methode" verzeichnet er mit satirischer Treffsicherheit das verzweifelt-komische Aneinander-vorbei-Reden mit einem jener prominenten Solidaritäts-Samariter, der in seiner philanthropischen Begeisterung nicht versteht, warum es seinem Gastgeber nicht um die Rettung des materiellen Sarajevo geht, sondern um ein Kultursystem, in dem vier Weltreligionen auf engstem Raum friedlich miteinander existierten.