Was veranlaßte einen Autor wie Boris Pilnjak, 1937, auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors, ein Hohelied auf die Russische Revolution zu schreiben? Am 25. August 1937 beendete er seinen Roman "Der Salzspeicher", zwei Monate später wurde er verhaftet, am 21. April 1938 - 43 Jahre alt - erschossen. Und der Roman schließt mit dem Bekenntnis eines alten Sozialrevolutionärs zur ersten Generation der Bolschewiki: "Ich möchte leben!. Nur mit der Revolution, nur mit euch!"

Wollte sich da einer noch einmal in das große allmächtige "Wir" der Partei hineinschreiben, die ihn 1929 bereits so angegriffen hatte, daß Pilnjak öffentlich "bereute", und die ihn, das Vorstandsmitglied des sowjetischen Schriftstellerverbands, jetzt doch wieder ins Visier nahm?

Oder hinterlegte Pilnjak im "Salzspeicher" eine Art literarisches Vermächtnis, das dem Stalinismus zum Trotz dokumentieren sollte, mit welchem "Wir" der revolutionären Bewegung er sich identifizierte? Hoffte er womöglich, die Parteioffiziellen durch die Schilderung der Anfänge der Revolution wieder an ihre ursprünglichen Ideale zu erinnern?

Pilnjaks Epos über Menschen und Schicksale eines russischen Provinzstädtchens beginnt in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und endet mit der Februar Revolution 1917. Kapitel l, "Väter und Generationen der Stadt Kamynsk", portraitiert in bester Gogolscher Tradition die Vertreter des ersten und zweiten Standes: Kreispolizeichef Babenin, den Apotheker Israil Schiller, General Fedotow, Landhauptmann Rasbojstschin, Fürst Werejskij, den Semstwo Arzt und Volkstümler Kriworotow, den Geschäftsmann und Nietzscheaner Koschkin, den deutschen Seidenfabrikanten Schmutzochs, Lehrer, Popen, Maler und Geheimagenten.

Ein wahres mirgorod, ein Friedensstädtchen, scheint dieses Kamynsk zu sein. Aber da gibt es eine Schlucht Über sie führt eine Brücke in jene andere Welt des dritten Standes, mit anderen Vätern und Müttern und anderen Werten. Hier in der Vorstadt hungern die Bauern. Hier lebt auch die Familie des Eisenbahners Obuchow. Sein Sohn Klim lernt früh vom Vater das verbotene Wort "Ausbeuter".

Mit Kapitel 3, "Kinder der Väter, die Generation", beginnt Pilnjak das Portrait jener Generation, die noch im Überlieferten wurzelte und bald die Revolution auf sich nehmen sollte. Auch Pasternak gehörte zu ihr. Er sagte in einem berühmten Vers 1925: "Wir sind die erste Liebe der Erde " Wie Pilnjak das Heranwachsen dieser Generation aus ihren unterschiedlichen familiären Konstellationen zu unterschiedlichen Überzeugungen darstellt, gehört zum Besten dieses Romans. Dabei gibt er den Kindern auf dem Weg von der Geburt des absoluten Ich bis zum Erkennen seiner Bedingtheit Angehörige eines wunderbaren vierten Standes zu Freunden: den Hunde- und Vogelfänger Mischucha oder die Poesie und den Kapitän a D und Sozialrevolutionär Nikita Moldawskij oder das Wissen.

Unter der strengen Bedingung von Wahrheit und Vertrauen steht Nikitas Haus allen offen. Später erst begreifen die Kinder: Hier trifft sich "die Kommune". Das ist ein pluralistisches Gemisch aus Volkstümlern, Sozialrevolutionären und Bolschewiki. Und natürlich steht das, wie die Herausgeberin Dagmar Kassek im Nachwort zu Recht bemerkt, in provozierendem Gegensatz zu der politischen Situation von 1937.