Nelson tat, wie erwartet, seine Pflicht: Er bekämpfte einen Bücherberg. Ich spreche von Benjamin Nelson, dem originellen Soziologen und Ideenhistoriker, 1911 geboren, Professor an der New School for Social Research in New York und von 1972 bis zu seinem Tode im Jahr 1977 Präsident der International Society for the Comparative Study of Civilizations.

Wie könnte ich je den Vortrag vergessen, den Benjamin Nelson vor vielen Jahren über sich und sein Werk hielt? Aus zwei riesigen Aktentaschen und einem halben Dutzend Plastiktüten griff der Gelehrte dicke Bücher und dünne Sonderdrucke, die er nach einer zunächst noch verborgenen Systematik auf dem Vortragstisch zu hohen Türmen stapelte, hinter denen er, ein Denkriese aber Sitzzwerg, bald völlig verschwand. Dann sah man, wie eine kleine Hand den ersten Sonderdruck ergriff, und hinter den Büchertürmen begann Nelson mit seiner Selbstdarstellung – in einer Stimme, der die Schallschutzwand aus bedrucktem Papier noch mehr Sonorität und Überzeugungskraft verlieh. Zunehmend wuchs seine intellektuelle Autobiographie, während der Papierberg kleiner wurde, den Schädel, den Kopf und schließlich den ganzen Oberkörper des Vortragenden freigebend, der die Selbstdarstellung, den letzten Sonderdruck wieder in seiner Plastiktüte verstauend, vor nunmehr bücherleerem Tisch mit den Worten beendete: "I am Benjamin Nelson." Die Bücher waren verschwunden, der Blick auf den Autor wurde frei.

Die Freude an Büchern wollen wir uns nicht vermiesen lassen – was aber tun wir gegen die Bücherberge, die all unsere Buchhandlungen längst zu Modernen Antiquariaten gemacht haben? Schuldig sind vor allem wir selbst, die schreibenden Wissenschaftler, die wir uns das drohende Motto publish or perish haben aufschwatzen lassen, ohne uns für einen Augenblick zu fragen, ob der Weltuntergang wirklich nahte, wenn es ein paar Bücher weniger gäbe. Vergessen ist Pierre Poivre, der berühmte französische Reisende und Gewürzhändler, der die Bitte, seine Aufzeichnungen zu publizieren, mit den klassischen Worten abwehrte: "Nein, es gibt schon genügend Bücher!"

Dies ist Jahrhunderte her. Was würde Poivre heute sagen? Vermutlich würde er Nietzsche zustimmen: "Gut, die Wissenschaft ist in den letzten Jahrzehnten erstaunlich schnell gefördert worden: aber seht euch nun auch die Gelehrten, die erschöpften Hennen an ... gackern können sie nicht mehr als je, weil sie öfter Eier legen: freilich sind auch die Eier immer kleiner (obzwar die Bücher immer dicker) geworden."

Werden wir noch einmal dazu kommen, Bücher anders zu produzieren als nach dem Vorbild von Legebatterien? Die Hoffnung ist gering, denn die Geschichte ist reich an gutgemeinten aber folgenlosen Vorschlägen, die Bücherflut einzudämmen: vom Rat des Barons Grimm, eine Bibliothek könne nicht klein genug sein, über Thomas Hardys (von ihm selbst nicht befolgten) Entschluß, nur noch Vorreden zu Büchern, die Bücher selbst aber nicht mehr zu schreiben, bis hin zu Stefan Georges Verdikt, fünfzig Bücher in einer persönlichen Bibliothek seien genug; der Rest sei nichts als Bildung. Keiner dieser Vorschläge hat etwas genutzt, und bis heute ist kein Wissenschaftler davon zu überzeugen, daß er der Menschheit auf zweierlei Weise dienen kann: indem er gute Bücher schreibt und schlechte Bücher nicht schreibt.

Deutschland ist an der Bücherschwemme in besonderem Maße schuld, weil die dafür mitverantwortliche Festschriftenepidemie nirgends schlimmere Auswüchse angenommen hat als bei uns. Vor ein paar Wochen erhielt ich die Aufforderung, zur Festschrift eines gerade fünfzigjährigen Kollegen einen Beitrag zu liefern. In einer Zeit, da deutsche Professoren auf ein Lebensalter von 85 Jahren hoffen dürfen, wächst die Zahl der Autoren, die in ihrem Leben mindestens drei, wenn nicht sechs Festschriften erhalten, weil diese immer stärker im Fünfjahresrhythmus publiziert werden. Und da jeder, der zu einer Festschrift einen Beitrag liefert, umgehend eine Festschrift auch für sich erwartet, ist deutlich, daß nur der Begriff "Epidemie" der Problemlage gerecht wird. Wir sollten den Anfang machen und Festschriften verbieten. Auch sollten Prämien auf freiwilligen Publikationsverzicht ausgesetzt werden. Ich weiß nicht, was aus dem Plan Harald Weinrichs und Wolfgang Raibles geworden ist, eine AFL, eine Anti-Festschrift-Liga, zu gründen, wo diejenigen spielen, die keine eigene Festschrift bekommen und zu keiner Festschrift (mehr) beitragen. Dies ist die Bundesliga, die uns noch fehlt.