Von Reinhard Breuer

Zugegeben, die Reparaturkolonne im All, die das Hubble-Teleskop richten soll, ist eine spektakuläre Mission. Nicht ganz so spannend, aber ebenfalls aufsehenerregend entwickelt sich das Gebiet der Himmelsforschung auf der Erde. Ein Dutzend neuartiger Superteleskope ist im Bau oder zum Teil schon in Betrieb. Sie sind nicht weniger fruchtbar für die Wissenschaft, doch erheblich billiger.

Zwar gibt es für Hochenergiestrahlungen – wie kosmisches UV-, Röntgen- oder Gammalicht, die allesamt von der Erdatmosphäre verschluckt werden – keine Alternative zu Teleskopen auf Höhenballons oder in der Erdumlaufbahn. Doch was sich im sichtbaren Licht, im Radiobereich oder auch in einigen "Fenstern" des Infraroten am Erdboden derzeit beobachten läßt, hätten sich weltraumsüchtige Instrumentenbauer vor geraumer Zeit noch nicht träumen lassen.

So operiert eines der neuen Superaugen seit dem Frühjahr dieses Jahres auf einem erloschenen Vulkan von Hawaii. Der 4205 Meter hohe Mauna Kea ist Nistplatz für das derzeit größte optische Teleskop der Erde. Sein Jumbospiegel, fertiggestellt im vergangenen Jahr, hat einen Durchmesser von 10 Metern und sitzt in einem 30 Meter hohen Kugelbau. Die siebzig Millionen Dollar für seinen Bau spendierte der Öl-Tycoon William Myron Keck, Gründer der heutigen Mobil Oil Co., nach dem das Objekt kurz Keck-Teleskop genannt wird.

Astronomen erwarten vom "Keck" einen gewaltigen Sprung vorwärts für die Aufklärung im All. Sie wollen nicht nur Planeten aufs Korn nehmen, die um Nachbarsterne kreisen. Auch Geburtsstätten neuer Sterne und das supermassive schwarze Loch im Herzen der Milchstraße stehen auf ihrer Zielliste. Das größte Gerät seiner Art kann mit seinen Möglichkeiten an moderner "adaptiver Optik" sogar das Hubble-Teleskop in nahezu allen Leistungsdisziplinen übertreffen. Lediglich im UV-Bereich wird Hubble weiterhin überlegen bleiben.

Den Beweis dafür traten die Astronomen des Keck-Observatoriums bereits am 17. April dieses Jahres an. Mit einem neu installierten Infrarotmeßgerät enthüllten sie die Feinstruktur des Objektes 4C 41.17 im Sternbild Auriga. Abgesehen von ein paar Quasaren, ist dies die fernste bekannte Galaxie. Ihr Licht wurde ausgestrahlt, als das Universum gerade zwanzig Prozent seines heutigen Alters erreicht hatte. Eine Hubble-Aufnahme dieses Objekts von 1992 hatte nur einige klumpige Strahlungsflecke gezeigt. Ohne Mühe übertrumpfte die Keck-Kamera das Hubble-Instrument: Das Infrarotauge entdeckte nicht nur neue Details in 4C 41.17, sondern wahrscheinlich auch noch Mitglieder eines bislang unbekannten Galaxienhaufens. "Zum ersten Mal wurde die Leistungsfähigkeit des 10-Meter-Teleskops ausgeschöpft", sagt Thomas Soifer vom California Institute of Technology. "Wir zeigten, daß Keck unsere Erwartung erfüllt, nein, sogar übertrifft."

Das müßte die Forscher am Hubble-Teleskop schmerzen. Denn dessen Leistungsfähigkeit bietet das Keck-Teleskop zu einem Preis von weniger als drei Prozent der über vier Milliarden Mark für das Hubble-Gerät. Und Keck II, ein identischer Zwilling von Keck I, ist bereits unterwegs. 1996 soll er, nur einen Steinwurf auf dem Vulkan entfernt, fertiggestellt werden, gleichfalls zu Kosten unter hundert Millionen Dollar.