F as Schöne und das Gute sind, mittelalterlicher Ästhetik zufolge, identisch: Schönheit gilt als das auf der Oberfläche sich materialisierende Gute. Die kühle Strenge zisterziensischer Architektur ist daher nicht nur künstlerischer Ausdruck der Armuts- und Demutsideologie des Ordens, vielmehr - als ihre causa verstand, mittels derer man "Dinge" hervorbringen kann, realisiert sich, der Überzeugung vom heilsbringenden Stellenwert des labor manuum gemäß, die Kunst der Zisterzienser nicht nur im endgültigen Produkt, sondern vor allem auch im künstlerischen Prozeß und dessen technischen Voraussetzungen: dem vollkommenen, zur Steinbearbeitung notwendigen Werkzeug etwa oder der Organisation der das Kunstwerk hervorbringenden Arbeit. Für Bernhard von Clairvaux, den radikalen, unbeirrt seine Reformvorstellungen durchsetzenden Ideologen des Ordens, mußte das architektonische Gehäuse des wahren Christentums eine andere Funktion haben als bislang: nicht mehr glänzendes Zeichen für das dem vergänglichen Augenbück entrissene, in Riten und Gesten geronnene Fest zur Ehre Gottes, sondern Projektion eines Traums von moralischer Vollkommenheit. Der zisterziensische Kirchenraum als Hülle für Andacht und Wort verweist, von aller durch schmückendes Beiwerk bewirkten sinnlichen Verführung gereinigt, auf die "innere" Schönheit der göttlichen Wahrheit.

Daß solcherart Formwandel nicht allein Ausdruck ästhetischer Konzeptionen ist, sondern Resultat grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen, wird einem nach der Lektüre von Georges Dubys beeindruckendem Buch über die "Kunst der Zisterzienser" unmittelbar einsichtig, ja kraft der plastischen, von Maria Heurtaux kongenial ins Deutsche übertragenen Erzähl Kunst des Autors geradezu sinnlich erfahrbar.

Im interdisziplinären, von vornherein die Grenzen der Einzelfächer negierenden Blick gerät das künstlerische Produkt zum greifbaren Exempel gesellschaftlicher Strukturen und ökonomischer Entwicklungen. Der aus einer Ideologie der Weltverachtung resultierende Formtyp zisterziensischer Architektur trägt - paradox genug - den Keim der modernen Ideologie einer die Welt erobernden Arbeit in sich. Die ästhetischen Qualitäten seiner Kunst haben unmittelbar zu tun mit den ökonomischen Innovationen des Ordens: Tuchproduktion und Landwirtschaft etwa. Erst auf der Oberfläche des schönen Scheins tritt die "wirkliche" Geschichte ins scharfe Licht der Erkenntnis.

Aus dem Französischen von Maria Heurtaux; Klett Cotta Verlag, Stuttgart 1993; 200 S, 193 Abb, 148 -DM