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DIE ZEIT: Ihr Film läuft in China in einer "bereinigten" Fassung. Welche Szenen sind der Zensur zum Opfer gefallen?

CHEN KAIGE: Ich habe keine Ahnung.

Haben Sie die chinesische Version nicht selbst geschnitten?

Nein. Der Chef des Pekinger Studios, das den Film koproduziert hat, rief mich an und fragte, ob ich es tun würde, aber ich habe abgesagt. Die Zensur ist Sache des Studios. Ich habe damit nichts zu schaffen. Später bekam ich Briefe von jungen Leuten, die den Film in China gesehen hatten. Sie waren schockiert. Der Film wirkt also immer noch so, wie er wirken soll.

Die Szenen über die Kulturrevolution am Schluß Ihres Films sind die härteste Anklage gegen diese Zeit, die es bisher im chinesischen Kino gab. Jeder verrät den anderen, der Freund den Freund, der Mann seine Frau.

In Wirklichkeit war es noch schlimmer. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe damals als kleiner Junge meinen Vater verraten... Aber ich will mit dem Film keine politische Aussage machen. Ich zeige einfach die menschliche Natur. So weit können Menschen gehen, wenn man sie dazu zwingt. Und daraus müssen wir lernen.

Sie haben drei Jahre in New York gelebt. Zur Zeit leben und arbeiten Sie abwechselnd in Amerika, China, Hongkong und Japan. Werden Sie in China schon als Ausländer betrachtet?

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Ich bin Chinese, sonst nichts. Ich liebe den besonderen chinesischen Lebensstil, das Familienleben, die enge Gemeinschaft der Leute selbst in den großen Städten. Aber auch in China hat sich in den letzten Jahrzehnten viel geändert. Als Kind in Peking spielte ich auf den Hinterhöfen. Durch die dünnen Wände konnte man die Nachbarn reden hören. Heute leben die Menschen in Hochhäusern, und wenn man mit Freunden in die Peking-Oper gehen will, muß man zum Telephonhörer greifen. Die Leute wollen neue Möbel, Farbfernseher, Geld auf der Bank. Die Wärme und Nähe von einst geht verloren.

Dafür wird China allmählich zur wirtschaftlichen Supermacht, vielleicht mit einer ebenso mächtigen Filmindustrie.

Es ist eine Zeit des Übergangs. Die regionale Filmproduktion in China ist praktisch am Ende. Andererseits gibt es immer mehr Koproduktionen, vor allem mit Hongkong und Taiwan. Da entsteht eine sehr effektive Mischung aus High-Tech und billiger Lohnarbeit. Schließlich haben wir eine gemeinsame kulturelle Tradition. Der taiwanesische Regisseur Hou Hsiao Hsien hat gerade vorausgesagt, daß in Schanghai demnächst ein neues Zentrum des asiatischen Kinos entstehen wird. Schanghai, wissen Sie, war vor langer Zeit die Hauptstadt des chinesischen Films. Vielleicht wird es jetzt das Hollywood des Ostens.

Und das real existierende Hollywood des Westens wird hilflos zuschauen?

Ich bin Regisseur, kein Hellseher. Aber es wird eine große Konfrontation zwischen China und den USA geben.

Fast alle Ihre Filme erzählen von Künstlern und Intellektuellen. Der Lehrer in "König der Kinder", der alte Zen-Meister in "Die Weissagung", die beiden Schauspieler in "Lebewohl meine Konkubine" – die Tragödie des Künstlers, der am Leben scheitert, scheint Ihr Leitmotiv zu sein.

Ein deutscher Philosoph hat geschrieben, der Mensch trage zwei Wesen in sich: Mensch und Übermensch. Daran glaube ich. Das heißt nicht, daß der Übermensch tun kann, was er will. Aber er fällt aus der Gemeinschaft heraus. Er verkörpert die Differenz. Der Lehrer in "König der Kinder", der Alte in der "Weissagung", sie leiden an diesem Ausgeschlossensein. Oder Cheng Dieyi, der Darsteller der Konkubine: Er ist zu rein, zu naiv, um zu überleben. Er ist ein Außerirdischer, er ist E.T.! Sein Selbstmord am Ende des Films hat für mich nichts Trauriges. Es ist die Erfüllung eines Traums. Es ist das, wonach er gesucht hat. Er opfert sich für seine Kunst. Das ist die gemeinsame Idee in allen meinen Filmen.

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Aber bei Ihnen gibt es, anders als bei Zhang Yimou, keinen wiedererkennbaren Stil, etwa durch die Verwendung der Farbe Rot, sondern ganz verschiedene Sichtweisen auf unterschiedliche Sujets. Jede Geschichte hat ihre eigene Handschrift.

Früher glaubte ich an den "persönlichen Stil". Mittlerweile vergleiche ich mich lieber mit einem Grundbesitzer, der ein riesiges Stück Land zu bebauen hat. ... Ich will ganz verschiedene Arten von Filmen machen, so verschieden, wie die Lebensweisen der Menschen sind. Im Grunde sehe ich mich immer noch als Filmstudent, nicht als Meister. Ich fange jedesmal wieder bei Null an.

In einem früheren Interview haben Sie erklärt, der visuelle Reichtum des chinesischen Kinos hänge damit zusammen, daß in China auch die Schrift nicht aus Buchstaben, sondern aus Bildern besteht. Können Sie das erläutern?

Ich beginne immer mit den Bildern. Die Sprache, die Ideen kommen erst später. Alles, was die Kamera aufnimmt, habe ich schon vorher gesehen, als Bild in meinem Kopf. Dabei versuche ich eigentlich gar nicht, etwas zu erschaffen. Ich versuche nur, mich genau zu erinnern. Die Wahrheit, die Lösung ist immer schon da, ich erfinde sie nicht, ich grabe sie nur aus. So arbeite ich.

Zur Zeit sind Sie der international erfolgreichste chinesische Filmregisseur. Aber in einem zukünftigen "Hollywood des Ostens" werden Sie vielleicht wieder ein Außenseiter sein.

Ich weiß. Es ist nicht leicht, den Leuten die Wahrheit über ihre Geschichte zu erzählen. Ich habe nur eine schwache Stimme, und es gibt wenige, die mir zuhören wollen. Aber ich bin ein freier Mann. Es gibt nichts, worauf ich Rücksicht nehmen muß. Ich habe nichts zu verlieren.

Das Gespräch führte Andreas Kilb