Ich bin Chinese, sonst nichts. Ich liebe den besonderen chinesischen Lebensstil, das Familienleben, die enge Gemeinschaft der Leute selbst in den großen Städten. Aber auch in China hat sich in den letzten Jahrzehnten viel geändert. Als Kind in Peking spielte ich auf den Hinterhöfen. Durch die dünnen Wände konnte man die Nachbarn reden hören. Heute leben die Menschen in Hochhäusern, und wenn man mit Freunden in die Peking-Oper gehen will, muß man zum Telephonhörer greifen. Die Leute wollen neue Möbel, Farbfernseher, Geld auf der Bank. Die Wärme und Nähe von einst geht verloren.

Dafür wird China allmählich zur wirtschaftlichen Supermacht, vielleicht mit einer ebenso mächtigen Filmindustrie.

Es ist eine Zeit des Übergangs. Die regionale Filmproduktion in China ist praktisch am Ende. Andererseits gibt es immer mehr Koproduktionen, vor allem mit Hongkong und Taiwan. Da entsteht eine sehr effektive Mischung aus High-Tech und billiger Lohnarbeit. Schließlich haben wir eine gemeinsame kulturelle Tradition. Der taiwanesische Regisseur Hou Hsiao Hsien hat gerade vorausgesagt, daß in Schanghai demnächst ein neues Zentrum des asiatischen Kinos entstehen wird. Schanghai, wissen Sie, war vor langer Zeit die Hauptstadt des chinesischen Films. Vielleicht wird es jetzt das Hollywood des Ostens.

Und das real existierende Hollywood des Westens wird hilflos zuschauen?

Ich bin Regisseur, kein Hellseher. Aber es wird eine große Konfrontation zwischen China und den USA geben.

Fast alle Ihre Filme erzählen von Künstlern und Intellektuellen. Der Lehrer in "König der Kinder", der alte Zen-Meister in "Die Weissagung", die beiden Schauspieler in "Lebewohl meine Konkubine" – die Tragödie des Künstlers, der am Leben scheitert, scheint Ihr Leitmotiv zu sein.

Ein deutscher Philosoph hat geschrieben, der Mensch trage zwei Wesen in sich: Mensch und Übermensch. Daran glaube ich. Das heißt nicht, daß der Übermensch tun kann, was er will. Aber er fällt aus der Gemeinschaft heraus. Er verkörpert die Differenz. Der Lehrer in "König der Kinder", der Alte in der "Weissagung", sie leiden an diesem Ausgeschlossensein. Oder Cheng Dieyi, der Darsteller der Konkubine: Er ist zu rein, zu naiv, um zu überleben. Er ist ein Außerirdischer, er ist E.T.! Sein Selbstmord am Ende des Films hat für mich nichts Trauriges. Es ist die Erfüllung eines Traums. Es ist das, wonach er gesucht hat. Er opfert sich für seine Kunst. Das ist die gemeinsame Idee in allen meinen Filmen.