Aber bei Ihnen gibt es, anders als bei Zhang Yimou, keinen wiedererkennbaren Stil, etwa durch die Verwendung der Farbe Rot, sondern ganz verschiedene Sichtweisen auf unterschiedliche Sujets. Jede Geschichte hat ihre eigene Handschrift.

Früher glaubte ich an den "persönlichen Stil". Mittlerweile vergleiche ich mich lieber mit einem Grundbesitzer, der ein riesiges Stück Land zu bebauen hat. ... Ich will ganz verschiedene Arten von Filmen machen, so verschieden, wie die Lebensweisen der Menschen sind. Im Grunde sehe ich mich immer noch als Filmstudent, nicht als Meister. Ich fange jedesmal wieder bei Null an.

In einem früheren Interview haben Sie erklärt, der visuelle Reichtum des chinesischen Kinos hänge damit zusammen, daß in China auch die Schrift nicht aus Buchstaben, sondern aus Bildern besteht. Können Sie das erläutern?

Ich beginne immer mit den Bildern. Die Sprache, die Ideen kommen erst später. Alles, was die Kamera aufnimmt, habe ich schon vorher gesehen, als Bild in meinem Kopf. Dabei versuche ich eigentlich gar nicht, etwas zu erschaffen. Ich versuche nur, mich genau zu erinnern. Die Wahrheit, die Lösung ist immer schon da, ich erfinde sie nicht, ich grabe sie nur aus. So arbeite ich.

Zur Zeit sind Sie der international erfolgreichste chinesische Filmregisseur. Aber in einem zukünftigen "Hollywood des Ostens" werden Sie vielleicht wieder ein Außenseiter sein.

Ich weiß. Es ist nicht leicht, den Leuten die Wahrheit über ihre Geschichte zu erzählen. Ich habe nur eine schwache Stimme, und es gibt wenige, die mir zuhören wollen. Aber ich bin ein freier Mann. Es gibt nichts, worauf ich Rücksicht nehmen muß. Ich habe nichts zu verlieren.

Das Gespräch führte Andreas Kilb