Von Elisabeth Wehrmann

Im Büro von William Horsley hängt groß und gerahmt ein Photo von Heinrich Böll. Im Bücherregal von Michal Jaranowski stehen die Romane von Günter Grass neben den Reden von Willy Brandt. Sergej Sosnowsky liest Johannes Mario Simmel und Helmut Schmidt; Taylor Marshall schätzt Heinrich Heine; Jean-Luc Testault vertieft sich in Enzensbergers Essay über die große Wanderung, und Deidre Berger ist fasziniert von der fernen Freiheitsliebe des Karl May.

Die Damen und Herren mit dem Faible für deutsche Dichter und Denker leben und arbeiten in Bonn, Berlin oder Frankfurt. Beruf: Auslandskorrespondent. Thema: Deutschland.

Sie reden mit Politikern in Bonn, Schweinebauern in Templin, Skinheads in Bochum oder Stammtischgästen am Prenzlauer Berg. Sie übermitteln Nachrichten, analysieren Eindrücke, schreiben Features und Portraits. Ob sie auf die Nachfrage des internationalen Pressemarktes reagieren, den Wünschen ihrer Redakteure oder eigenen Interessen und Beobachtungen folgen – immer wirken sie mit an den Linien, Farben und Nuancen des Deutschlandbildes im Ausland.

Die Substanz liefern wir. Perspektiven und Schwerpunkte setzen sie.

Um unser Bild in den Augen der anderen sorgen sich Bundespresseamt und Kanzleramt. Selbst in schwierigen Zeiten gibt es Millionenbeträge, um mit großen Strategien das Image des neuen Deutschlands zu verbessern. In den seit Hoyerswerda und Rostock sogenannten delikaten und fragilen Phasen steigt, so stellten Bonner Öffentlichkeitsarbeiter fest, die Neigung der ausländischen Presse zu "überscharfer Beobachtung". Wenn sich dann "Negativbilder unter den Auspizien der historischen Reminiszenzen an die Nazi-Ära verfestigen" (wie das 1992 in der "Konzeption für die Politische Öffentlichkeitsarbeit im Ausland" hieß), machen sich die Regierungsrhetoriker an die Arbeit, "gegenläufige Wahrnehmungen zu mobilisieren". Aber wem nutzt die teure Tünche, wenn die Wirklichkeit nicht zu übersehen ist?

"Dieses Land hat eine Vergangenheit", sagt Taylor Marshall. "Darum betrachte ich es zum Beispiel als meine Pflicht, die rechtsextreme Szene in Deutschland sorgfältig und sehr genau zu beobachten. Es ist nicht so, daß ich denke, die jungen Deutschen müßten die Schuld der letzten drei Generationen tragen. Aber schließlich haben wir nicht umsonst die Geschichte studiert. Ob’s euch gefällt oder nicht, Deutschland muß unters Mikroskop."