Nichts geschieht, und doch ist die Ereignislosigkeit mit stillem Schrecken aufgeladen. In jeder Bewegung von Schatten und Licht zittert die Vorahnung drohenden Unheils. "Festhalten, bevor alles unwiederbringlich verschwindet, ins Nichts versinkt, ins ewige Vergessen. Die Schwalben und Tauben, die den Rauch zerstreut haben. Die Sonne, die mittags im Wipfel des Birnbaums hing. Bevor sich alles erfüllt. Sonnenstaub, der auf die Straße rieselt. Den verwaisten Friedhof. Was sich bewahren läßt, bevor es sich erfüllt Immer wieder hält man beim Lesen den Atem an, als könnte man den in Einzelbildern gebannten Stillstand der Zeit an einem hitzeflimmernden Julitag in einem ostgalizischen Provinzstädtchen im Jahre 1934 noch für ein paar Sekunden hinauszögern.

Es ist dieses beklemmende Illusionsspiel mit einer längst von der grauenvollen Zukunft ausgelöschten Zeit, die dem Roman des jungen polnischen Autors Piotr Szewc (Jahrgang 1961) seine Spannung verleiht. Vor allem aber besticht dieses Erzähldebüt durch eine traumwandlerische Wahrnehmungsfülle, die die atmosphärischen Bilder aus dem Alltag eines vor einem halben Jahrhundert zerstörten Schtetl zum Leuchten bringt. Mit den Augen einer Kamera, die ständig die Positionen wechselt, werden die Straßen, die Häuser und ihre Bewohner aus immer neuen Blickwinkeln fixiert: der sich in seiner Kanzlei langweilende und von Kindheitsreminiszenzen heimgesuchte Advokat, die auf Freier wartende Stadtkurtisane, zwei Polizisten auf ihrem Rundgang, der Tuchhändler in seinem Laden, der Wirt in der Schenke, die Pferdefuhrwerke, die Tauben und Schwalben, die ihre unermüdlichen Rundflüge bis in den Himmel hinauf ausdehnen, wo sie für die Augen und für den Photoapparat im Unsichtbaren verschwinden.

Es gibt keine Handlung, keinen Dialog, keine psychologische Charakterisierung der Personen. Die Straßen, der Marktplatz, die Bäume, Tiere und Menschen werden nur in ihren Bewegungen, in den Licht- und Schattenbildern der Luft beschrieben. Jedes Detail soll sichtbar gemacht werden: so sichtbar wie die zwei Sonnen, die über der in Mittagshelligkeit schwimmenden Stadt schweben, die eine am Himmel, die andere in der goldenen Rathauskuppel.

Aber der Schein trügt, die Zeichen des Schrekkens sind allgegenwärtig. Da steigt "irgendwo in der Gegend der Lemberger Straße eine dünne Rauchsäule empor", da fällt verbranntes Papier wie ein Aschenregen auf die Stadt herab, da hetzen in den Kindheits Alpträumen des Advokaten "funkensprühende Hundsteufel" die Menschen durch die Straßen, und da wird in einer düsteren Schlußvision der sprühende Funkenschweif über einem Güterzug, der nach Einbruch der Dämmmerung in der Ferne vorüberfährt, zum zeichenhaften Fanal der Vernichtung: "Die Funken fliegen über die Waggons. Sie versinken, verlöschen, Hunderte, Tausende, von denen nicht die kleinste Spur mehr bleibt "

Piotr Szewc setzt auf die prophetische Suggestivität solcher Augenblicksbilder. Nicht ein einziges Wort aus dem Wörterbuch des Unmenschen wird benötigt, um die Vorkriegsatmosphäre heraufziehenden Unheils zu beschwören. Eine alptraumhafte Antizipation des Holocaust. Paul Kersten Aus dem Polnischen von Esther Kinsky; Rütten & Loening, Berlin 1993 117 S , 29 80 DM