Indien ist ein Land, von der Größe eines Kontinents und so vielfältig wie kaum ein anderes in der Welt. Aber pro Jahr fahren nur etwa zwei Millionen ausländische Touristen dorthin, nicht einmal annähernd halb so viele wie nach Thailand. Das liegt nicht nur an den immer wiederkehrenden politischen Turbulenzen, sondern an einer ungeschickten Vermarktung und vor allem an der nach wie vor völlig ungenügenden Infrastruktur. Es gibt Probleme mit der Bürokratie, mit den Hotels, mit dem Transport. Vor allem aber gibt es Probleme, wenn sich zwei Millionen zur gleichen Zeit auf die gleichen Ziele stürzen: Strandurlaub im Winter, dazu Kulturtourismus – Taj Mahal, Rajasthan, Ellora und Ajanta, das ist das eine gängige Muster, Rucksacktourismus auf den Spuren der Blumenkinder von gestern das andere.

Dabei gibt es noch so viel zu entdecken in Indien, zum Beispiel die Natur. Wer weiß schon etwas von den vielen neuen Nationalparks, ihren grandiosen Landschaften, wer kennt die Vielfalt der Pflanzen und Tiere, die sich eben keineswegs nur auf Palmen, Tiger, Elefanten und Schlangen beschränkt. Auskunft geben darüber Gertrud Neumann-Denzau und Helmut Denzau: Indien-Reiseführer Natur (Verlagsgesellschaft München, Wien, Zürich 1992; 239 S., 210 Farbphotos, 48,– DM).

Um es gleich zu sagen: Besser, informativer und übersichtlicher kann man es eigentlich nicht machen. Zu Anfang der Beschreibung eines jeden Nationalparks, der vorgestellt wird, erklärt ein Absatz: Wo liegt er, was gibt es zu sehen. Dann folgen eine detaillierte Schilderung, sehr brauchbare praktische Tips, ein Blick in die Umgebung, auch das ist nützlich, und vor allem – viele Photos. Nach deren Betrachtung möchte man am liebsten sofort losreisen. Für die nächste Auflage bleibt allerdings noch ein Wunsch: eine allgemeine Übersichtskarte, die zeigt, wo die dreißig Reisegebiete liegen, oder eine kleine Karte am Anfang eines jeden Kapitels. Und vielleicht könnte man die zweitgrößte Wüste der Welt so schreiben, wie es üblich ist: Thar.

Mit einer Nische, wenn auch einer schon längst nicht mehr so unbekannten, beschäftigt sich Jutta Mattausch. Ladakh und Zanskar (Handbuch für individuelles Entdecken im äußersten Norden Indiens. Peter-Rump-Verlag, Bielefeld 1993; 456 S., 36,80 DM).

Was an diesem Führer gefällt, ist die Tatsache, daß die Autorin offensichtlich eine praktische Person ist und eigentlich an alles gedacht hat, was nötig ist, wenn sich jemand auf die Reise ins "indische Tibet" und die heute immer noch weitgehend unberührte Nachbarregion Zanskar, hoch im Himalaja, aufmacht. So weist sie darauf hin, daß Karten besser zu Hause zu besorgen sind als an Ort und Stelle, oder vergißt nicht zu erwähnen, daß eine Fettcreme in den hohen, trockenen Regionen von Nutzen sein kann. Da das meist jugendliche Publikum, an das sich der Führer vor allem wendet, in der Regel über Land nach Leh fährt, gibt es kurze Kapitel über die üblichen Anreise-Stops: Delhi, Manali, Dharamsala und Srinagar mit vielen nützlichen Tips zu den Themen Transport, Unterkunft, Sehenswürdigkeiten. Deshalb geht es erst von Seite 113 an mit dem eigentlichen Thema los, aber so gut und bei aller offensichtlichen Liebe zu Land und Leuten auch so kritisch, daß dieser Führer eine wahre Freude ist. Mit ihm ist man wirklich gut ausgerüstet, denn die vielen, flott geschriebenen Hintergrundinformationen haben, sieht man einmal von manchen politischen Beurteilungen ab, Hand und Fuß.

Ganz ausführlich um eine einzige Stadt geht es bei Niels Gutschow/Axel Michaels: Benares (Tempel und religiöses Leben in der heiligen Stadt der Hindus, DuMont, Köln 1993; 258 S., 24,80 DM). Benares, Varanasi, Kashi, immer die gleiche Stadt und eine der faszinierendsten in Indien überhaupt. Daß dies so ist, läßt sich nach der Lektüre des Buches nur mit Mühe ahnen. Schwerfällig und wenig anschaulich geschrieben, mit wissenschaftlichen Transkriptionen bleischwer behaftet, bietet der Band zwar viel Hintergrund, aber der stellt sich langweilig dar. Die beiden Autoren haben einfach zu viel gewußt, und sie haben es nicht geschafft, dieses Wissen an den Leser weiterzugeben.

Die Bibel vor allem der jungen Indien-Fahrer ist der Travel Survival Kit von Lonely Planet, der in Juli 1993 in fünfter Auflage erschien (48,– DM), und der auch in einer deutschen Ausgabe zu haben ist (Indien-Führer, Verlag Gisela E. Walther, Bremen 1992, 54,80 DM). Etwas Besseres als der Travel Survival Kit existiert derzeit nicht auf dem Markt, wenn es um knappe, aber umfassende und praktische Information geht. Verbessern läßt sich also nichts, wenn man die berühmte Vorlage in der Aufmachung nur abkupfert. Das haben Barbara Rausch und Peter Meyer getan mit dem Reisehandbuch Indien. Nepal (Barbara Rausch Verlag, Wetzlar 1993; 751 S., 44,– DM). Daß der allgemeine Info-Teil am Anfang ein bißchen ausführlicher ausfällt als beim Vorbild oder daß sogar das Kannada-Alphabet abgedruckt wird, ist noch nicht genug. Denn dafür fehlen wichtige Sehenswürdigkeiten wie die Ruinen von Purani Quila oder Tughlagabad, das Nehru Museum oder das India Gate, um nur Delhi anzuführen. Selbst Druckfehler gibt es weniger in der originalen Reisebibel. Warum nicht gleich dazu greifen?

Gabriele Venzky