Von Hans Werner Holub und Gottfried Tappeiner

Die moderne Sozialproduktsrechnung konzentriert sich auf die Messung der von den privaten Unternehmen und dem Staat innerhalb eines Jahres erstellten Produktion und der dabei erzielten Einkommen. Umweltzerstörungen als Kosten der Produktion oder des Konsums werden nicht erfaßt, allenfalls dann, wenn sie volkswirtschaftliche Nachfrage und damit Einkommen schaffen. Genau das stellt den Gedanken der Umweltschonung auf den Kopf.

Die Verfechter eines Ökosozialprodukts fordern deshalb, endlich eine „echte“ Nettorechnung einzuführen. Den Erträgen der ökonomischen Tätigkeit sollen die dabei angefallenen, bislang nicht berücksichtigten Aufwendungen der Umweltzerstörung als Abzugsposten gegenübergestellt werden. Erst der Saldo der Erträge und Gesamtaufwendungen, eben ein bereinigtes ökologisches Sozialprodukt (Ökosozialprodukt), zeige den wahren Nettoerfolg des jährlichen Wirtschaftens.

Der Grundgedanke ist zwar populär – sogar supranationale Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die OECD sind schon mit eigenen Vorschlägen an die Öffentlichkeit getreten –, gleichwohl höchst problematisch. Unser Unbehagen beginnt schon bei der Bezeichnung. Der Ausdruck „Ökosozialprodukt“, ausgeschrieben „ökologisches Sozialprodukt“, suggeriert einen engen Bezug dieser Größe zur Ökologie. Zwar ist wissenschaftspolitisch gesehen mittlerweile durchaus eine Interessenkoalition zwischen Ökologen und Ökonomen feststellbar. Unbeschadet dieser Interessenkoalition, sind die Sichtweisen der Ökologie und der Ökonomie bezüglich vieler Sachverhalte aber sehr verschieden.

Die Ökologie läßt sich schlagwortartig durch die außerordentliche Komplexität der Wirkungsgefüge in Ökosystemen, die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung der betroffenen Ökosysteme und ein den ablaufenden dynamischen Prozessen angepaßtes Zeitraster charakterisieren. Daraus folgt für ein aus ökologischer Sicht erstelltes Informationssystem unverzichtbar, daß es multidimensionale Situationsbeschreibungen enthalten muß. Ein Ökonom als volkswirtschaftlicher Gesamtrechner zielt dagegen darauf ab, „gesamthafte“ Aussagen zu machen, was letztlich immer zu Durchschnitts- und Aggregatbildungen, im Extremfall bis hin zu einer einzigen Zahl, eben dem Ökosozialprodukt, führt. Damit geht die aus ökologischer Sicht notwendige, zeitlich und räumlich differenzierte Betrachtung vollständig unter.

Es kommt hinzu, daß unter ökologischen Gesichtspunkten Geld ein höchst ungeeigneter Maßstab für die Charakterisierung von Zuständen von Ökosystemen oder von aufgetretenen Umweltschäden ist. Alle Nutzbarkeitsansätze und monetären Bewertungen sind anthropozentrische Konzepte. Es kann seitens der Ökologie aber nicht akzeptiert werden, daß der Wert eines Ökosystems durch ein von den menschlichen Nutzungen dominiertes Bewertungssystem bestimmt wird. Dies ist ein zutiefst ökonomischer Ansatz. Daraus folgt, daß eine Ökosozialproduktsrechnung, will sie nicht Etikettenschwindel betreiben, nicht die Bezeichnung „ökologisch“ verwenden darf.

Noch schwerer wiegt ein anderer Einwand: Idealtypisch handelt es sich bei volkswirtschaftlichen Rechenwerken um Systeme, die im Stile einer Buchhaltung Ströme und Bestände aus abgelaufenen Perioden abbilden und damit strikt von den darauf aufbauenden Theorien trennbar sind, die Hypothesen, also wissenschaftliche Vermutungen, enthalten. Wollte man ein Ökosozialprodukt berechnen, müßte man sich von dieser Tradition lösen. Es müßten Wirkungsketten zwischen ökonomischen Aktivitäten, wie etwa der Produktion, und Umweltverschlechterungen angenommen und insbesondere auch schwerwiegende hypothetische Bewertungen durchgeführt werden, um physikalische/biologische Größen in fiktive (also niemals konkret bezahlte) Geldbeträge umzuwandeln. Wie alle Hypothesen können diese Modellansätze falsch sein, und tatsächlich kann man angesichts des sich ständig ändernden Wissensstandes der damit befaßten Naturwissenschaften auch nicht davon ausgehen, daß sie auch nur über die nächste Zeit hinweg unverändert bleiben. Es wäre aber fatal, wenn ein buchhalterisches Rechenwerk Modellansätze einbezieht, die in einer voraussehbaren Zukunft bereits wieder grundlegend revidiert werden müssen – vor allem, wenn ein solches Rechensystem auch noch das Gütesiegel der offiziellen Statistik erhält.