Von Claus Spahn

Viele, viele Jahre lang ist der Theatermacher Robert Wilson nun schon unterwegs. Bei allen möglichen Genres hat er Station gemacht – beim amerikanischen Musical und der antiken Tragödie, bei der Oper des 18. Jahrhunderts und französischer Ballettmusik, bei romantischen Märchen und Wagners Bühnenweihfestspiel. Viele Ausflüge sind ihm dabei zum Kunstabenteuer geraten. Manchmal aber hat er auch nur im Vorübergehen seine Visitenkarte vorgezeigt. Nahezu überall, so scheint es, ist der Texaner inzwischen gewesen. Nichts Neues mehr im Bilderwunderland, winken die ersten Wilson-Kenner ab. Eine Reise aber fehlte noch. Auf dem Umweg über Italien (Giacomo Puccini) und Frankreich (eine Produktion der Pariser Opera Bastille) hat Wilson sich nun auch dorthin begeben: nach Japan. Und wer ihn bei seiner Inszenierung von "Madame Butterfly" drei Stunden lang dorthin begleitet hat, ahnt: Das ferne Japan muß für Wilson ein besonderer Ort sein. Vielleicht gar eine heimliche Heimat.

Das unterscheidet ihn sehr von seinem amerikanischen Landsmann, dem Marineleutnant Benjamin Franklin Pinkerton. Puccinis imperialistischer Opern-Yankee reist ins Land der aufgehenden Sonne und richtet (America forever!) die schöne Geisha Cio-Cio-San zugrunde. Der Texaner Wilson reist noch einmal hin und richtet sie (Japan forever!) wieder auf; denn er erzählt die traurige und manchmal ein wenig rührselige Geschichte der Madame Butterfly mit asiatischer Schlichtheit und meditativem Ernst.

In der Oper reicht Pinkertons Leidenschaft für die japanische Kultur gerade einen Akt lang. Dann wendet er sich gelangweilt ab. In Wilsons Regie aber glüht sie immerzu. Für ihn ist sie eine Inspirationsquelle von jeher: Die rätselhaften Gesten, die er seinen Protagonisten auf der Bühne auferlegt, und die Zeitmaße der Bewegungsabläufe erinnerten auch in anderen Stücken mitunter an die alte Tradition des japanischen No-Theaters. Seine Zauber- und Verwandlungstricks stehen den virtuosen Effekten des Kabuki nahe. Westlich psychologisierende Lesarten sind ihm fremd. Die detailversessene, abgezirkelte Präzision seiner szenischen Arbeit macht ihn zu einem Kalligraphen des Theaters. Und so besehen, erscheint dann auch der Vorwurf, Wilson perpetuiere sein einmal erfundenes Bildertheater beliebig ins Unendliche, in einem anderen Licht: Niemand würde schließlich den ehrwürdigen Zen-Künstlern, die ihr Leben lang nur den Berg Fuji malen, vorwerfen, ihre Kunst sei eine ewig wiederholte, billige Masche.

Kein Wunder also, daß der (un)heimliche Japaner Wilson die fernöstliche Aura der "Madame Butterfly" im Grunde ernster nimmt, als Puccini sie in seiner Partitur angelegt hat. Für den Komponisten war sie vor allem eine veristische Farbe und ein Lokalkolorit, das ihm die Möglichkeit gab, neue musikalische Stilmittel auszuloten. Er adaptierte folkloristische Melodien, arbeitete mit Pentatonik und Ganztonskalen und entwarf in seiner Mischung aus italienischem Belcanto und farbigem Exotismus eine Japanoiserie aus seiner abendländischen Vorstellung. Wilson hingegen befreit die Oper von allen Kirschblütenklischees, von wohlfeiler Geisha- und Papierhausfolklore und läßt sie in einem stilisierten Urjapan spielen. Daß Puccinis um die Jahrhundertwende ersonnenes Nippon schon etwas hybride und angekränkelt ist vom amerikanischen Kulturimperialismus, interessiert den Regisseur freilich nicht. Sein Hügel über dem Hafen von Nagasaki ist ein erlesener Ort. Eine archaisch anmutende Tempelstätte, die, wie Madame Butterfly es sagen würde, "weit ist wie der Himmel und tief wie das Meer" und wo "die stillen Dinge" regieren.

Schon bevor der erste Ton erklingt, dürfen wir durch Gazeschleier einen Blick auf die Bühne werfen. Eine leere Fläche tut sich da auf. Der Boden wirkt gleichmäßig geharkt wie ein Zen-Garten. Nach der Pause wird als höchste Erhebung und als einsames Zauberobjekt noch ein kniehoher Meditationsstein aufragen. Rechts schlängelt sich ein schmaler Kiespfad nach vorne. Das Haus der Cio-Cio-San ist ein hölzernes Teehauskarree ohne Wände.

Den Horizont schließlich bildet Wilsons bewährte große Lichtwand, deren fluoreszierender Farbkommentar sich dieses Mal direkter als sonst auf die Musik bezieht. Wenn beispielsweise bei Cio-Cio-Sans Erinnerung an ihren toten Vater zum erstenmal das Dolchmotiv auftaucht, verwandelt sich die Bühne augenblicklich in ein düsteres Schattenreich. Aus dem Orchestervorspiel zum letzten Akt wiederum wird eine magische Stunde Blau mit dem stummen Sohn der Butterfly (eine Figur, wie für Wilson erdacht) als Nachtwandler. So verleiht das Licht der Aufführung Stimmungsnuancen und eine Schwerelosigkeit, die der Dirigent Myung-Whun Chung musikalisch viel zuwenig stützt. Für einen eleganten Belcantofluß fehlen seiner Interpretation die großen Spannungsbögen. Zu selten läßt er die raffinierten Puccini-Farben leuchten.