Grabsteine wolle sie mit ihren Geschichten setzen und dabei "so viele Namen und Details einbauen, als ein Leser nur aushalten kann", ließ Hanna Krall über ihren neuen Geschichtenband wissen, eine einzige große und manchmal verwirrend authentisch detailierte Beschwörung der Welt des polnischen Judentums – meist zur Zeit seines Untergangs. Immer durch ein Einzelschicksal gesehen, durch das Auge eines Überlebenden von dreieinhalb Millionen Toten.

Einer von ihnen, Thomas Blatt, fährt jedes Jahr von Kalifornien nach Przylesie in Polen, um den Bauern Martin B., seinen polnischen Mörder, zu suchen. Die Kugel steckt noch in der Kinnlade. Titel dieser Geschichte: "Porträt mit Kinnladensteckschuß". Da tauchen nicht nur das KZ Sobibor und seine Schergen auf, denen Blatt beim Aufstand entrann, sondern auch die kleinen jüdischen Städtchen von einst in ihrem trostlosen Zustand von heute: Garwolin, Lopiennik, Krasnystaw, Izbica...

Nicht nur an Thomas Blatt erinnert die Autorin, sondern auch an Juda Pomp, den Seidenhändler, und an Ryfka, die verrückte Rabbitochter. "Sie sind in Sobibor umgekommen." Oder an den Schuster Marek und die Gebrüder Gutgisser, die Krawattenschneider aus Janow bei Pinsk. Oder – in den anderen sechs Geschichten – an die Juden im Ghetto und die im Widerstand. Und an den polnischen Antisemitismus im Nachkriegspolen und wer ihm wie zum Opfer fiel bei den stalinistischen Prozessen und später.

"Tanz auf fremder Hochzeit" heißt programmatisch die Titelgeschichte. Cypa und Adam, die ein "arisches Gesicht" haben und deshalb den NS-Terror überlebten, tanzten auch nach dem Krieg als Aktivisten des Systems an ihrer "Jüdischkeit" vorbei. 1968, als wieder ein Judenreferat im Innenministerium eingerichtet wird, flüchten auch sie aus dem Land – nach Rio.

Hanna Krall erzählt das mit unpathetischem Pathos und in einfachem Ton. Als langjährige Journalistin der Wochenzeitung Polityka ist sie vom polnischen Genre der literarischen Reportage beeinflußt. Ihre Geschichten sind zwischen Literatur und Reportage angesiedelt, obwohl es immer noch Wirklichkeitsmaterial ist, mit dem sie arbeitet – bis hin zu den "echten" Namen der Protagonisten wie in der Geschichte des kürzlich verstorbenen Freiherrn Axel von dem Bussche, der 1943 beschlossen hatte, den Führer zu töten. Zufällig, erzählt Hanna Krall, sei er damals Zeuge der Liquidierung des Ghettos von Dubno geworden: Dreitausend Menschen in drei Tagen, und die SS-Leute "mühten sich ab".

Seitdem Hanna Krall von ihrer ungelebten jüdischen Kindheit eingeholt wurde, ist sie von dem Thema besessen. Als Dreijährige lebte sie versteckt auf der arischen Seite in Warschau und nach dem Krieg im Heim jüdischer Waisen. In "Bitte ganz kurz" erfährt man, wie einige dieser Waisenkinder gerettet wurden: weil die Eltern sie aus dem Zug nach Treblinka geworfen oder auf dem Bürgersteig der Straße nach Majdanek abgelegt hatten. Aus Polen sind sie zu einem Treffen angereist und geben, merkwürdig verloren im jüdischen Woody-Allen-New York von heute, Auskunft: Ob sie wirklich nach Polen zurückwollten, fragen die gar nichts verstehenden amerikanischen Juden nach dem Kongreß. Zurück auf den Friedhof? Ariane Thomalla

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