Warum, warum dieser furchtbare Krieg? Dies ist eine der meistgestellten Fragen, seitdem das Schlachten in Jugoslawien ausgebrochen ist. Die Flut der Publikationen, die darauf eine Antwort suchen (siehe DIE ZEIT 48/92), reißt nicht ab. Einen klaren, gut lesbaren Überblick über den Weg Jugoslawiens seit seiner Gründung 1918 bieten: Wolfgang Libal: Das Ende Jugoslawiens (Selbstzerstörung, Krieg und Ohnmacht der Welt; 2. erweiterte Auflage; Europaverlag, Wien 1993; 214 S., 29,– DM) und Holm Sundhaussen: Experiment Jugoslawien (Von der Staatsgründung bis zum Staatszerfall; Bibliographisches Institut, Taschenbuchverlag, Mannheim 1993; 128 S., 14,80 DM). In einer von Michael Weithmann herausgegebenen Aufsatzsammlung sind Vergangenheit und aktuelle Probleme einzelner Brandherde wie etwa des Kosovo oder Makedoniens detailliert dargestellt: Der ruhelose Balkan (Die Konfliktregionen Südosteuropas; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993; 333 S., 19,90 DM).

Das Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaats Jugoslawien zeichnet Johannes Grotzky nach, wobei er das Versagen und die Mitschuld der westlichen Politik deutlich macht: Balkankrieg (Der Zerfall Jugoslawiens und die Folgen für Europa; Piper Verlag, München 1993; 201 S., 16,90 DM). Einen eher von lockerer Hand geschriebenen Einblick präsentiert Detlef Kleinert: Inside Balkan (Opfer und Täter; Amalthea Verlag, Wien/München 1993; 304 S., 39,80 DM). Für Liebhaber der National-Psychologie nach dem Motto „Der Serbe ist..., der Kroate hingegen...“ hat Thomas Brey den Krieg beschrieben: Die Logik des Wahnsinns (Herder Verlag, Freiburg 1993; 159 S., 14,80 DM). Der zweite Band zum Jugoslawien-Krieg des FAZ-Herausgebers Johann Georg Reißmüller ist kein Informationsbuch, sondern im weiteren Sinne selbst Teil des Konflikts. Hier ist der Feldzug eines einflußreichen deutschen Kommentators gegen die „serbischen Aggressoren“ nachzulesen:

Die bosnische Tragödie (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1993; 189 S., 24,– DM). Eine von Rudolf H. Dittel herausgegebene Aufsatzsammlung, die alle Aspekte des Konflikts von der Landesgeschichte bis zum Uno-Einsatz, Flüchtlingselend und Völkerrechtsproblemen darzustellen versucht, beeindruckt durch ihre Themenfülle, hat jedoch Schwächen in sachlichen Details: Europäischer Konfliktfall Ex-Jugoslawien (Versuch einer Bestandsaufnahme; Verlag Mundi Reales, Königsbrunn 1993; 439 S., 28,– DM).

Im Vergleich dazu zeigt sich die Stärke der Einzeldarstellung in Briefdokumentationen, die eindringlicher und aufrüttelnder sind als alle Fernsehbilder: Anna Cataldi (Hrsg.): Briefe aus Sarajewo (Stimmen aus einer sterbenden Stadt; Heyne Verlag, München 1993; 174 S., 9,90 DM); Rada Iveković, Biljana Jovanovic, Maruša Krese, Radmila Lazić: Briefe von Frauen über Krieg und Nationalismus (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993; 267 S., 19,80 DM). Interviews mit vergewaltigten Frauen, Protokolle der Verbrechen und ihre historischen Parallelen hat Maria von Welser zusammengestellt: Am Ende wünschst du dir nur noch den Tod (Die Massenvergewaltigungen im Krieg auf dem Balkan; Knaur Verlag, München 1993; 191 S., 12,90 DM). Über die psychologischen Hintergründe des Krieges gegen Frauen und die apathischen Reaktionen im Westen schreiben: Cheryl Bernard und Edith Schlaffer Vor unseren Augen (Der Krieg in Bosnien ... und die Welt schaut weg; Heyne Verlag, München 1993; 220 S., 16,90 DM). Nach den menschlichen Abgründen, nach den Ursachen der Barbarei, nach der Gleichgültigkeit der Intellektuellen fragt: Milo Don Leb wohl, Jugoslawien (Protokolle eines Zerfalls; Otto Müller Verlag, Salzburg/Wien 1993; 138 S., 20,80 DM). Er macht deutlich, was viele in Westeuropa nicht wahrhaben wollen: daß mit der Zerstörung Jugoslawiens auch die humanistischen Ideale Europas nach dem Zweiten Weltkrieg untergegangen sind. M. T.