Es heißt, Totgesagte leben länger. Helmut Kohl hat – montags und donnerstags, wie er im Hinblick auf die an diesen Tagen erscheinenden Hamburger Publikationen zu frotzeln liebt – schon so oft Meldungen über sein unmittelbar bevorstehendes politisches Ende lesen können, daß er nur noch Hohn und Spott dafür übrig hat. Darüber vergißt er, daß auch die verfrüht Totgesagten eines Tages ihr Schicksal ereilt.

Staatsmänner im Niedergang sind wie gehörnte Ehemänner: Sie merken meistens als letzte, was sich tut. Selbst wenn ringsum schon alles tuschelt und zischelt, verharren sie gern selbstgerecht und selbstherrlich in der Pose des Unantastbaren, dem keiner etwas anhaben kann. Herrschen heißt auch: Verdrängen-Können.

Das Bonner Spiegel- Büro entdeckt wieder einmal eine innerparteiliche Verschwörung gegen den Kanzler? Die Süddeutsche Zeitung fühlt sich an die Endphase der Regierungszeit von Willy Brandt erinnert, die ZEIT an die Schlußetappe Konrad Adenauers, des ersten Bundeskanzlers?

Der "Enkel" mag das alles als Unkenrufe abtun. Dennoch macht sich im Lande der Eindruck breit, daß diesmal wirklich die Kanzlerdämmerung angebrochen ist. Und es leidet ja auch keinen Zweifel: Wir erleben den Anfang vom Ende. Der Übergang hat begonnen.

Zunächst einmal liegt dies schlicht am Zeitablauf. Die Logik des "Je länger man lebt, desto früher stirbt man" läßt sich durchaus auf Bundeskanzler übertragen: Je länger einer regiert, desto näher rückt sein Abtreten. Helmut Kohl ist jetzt seit elf Jahren Kanzler.

Er hat Anfang 1991 schon die Amtszeit Helmut Schmidts (achteinhalb Jahre) übertroffen. Nur noch zweieinhalb Jahre fehlen ihm, um Adenauers Rekord von dreizehneinhalb Jahren zu brechen. Führte er seine Partei noch einmal zum Sieg und träte dann in der Mitte der neuen Legislaturperiode ab, wäre dies Ziel erreicht. So mochte es Kohl auch vorgeschwebt haben. Die Chancen, daß er die Rekordmarke erreicht, sinken freilich rapide – aus vier Gründen.