Der Baumschmuck, diesmal Sonne, Mond und Sterne, liegt schon hinter der Wäsche im Schrank, neben den T-Shirts in verschiedenen Größen mit Weihnachtsmann drauf, per Katalog bestellt und ins Haus geliefert. Sie kaufen nicht per Katalog? Da entgeht Ihnen was, und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Früher dachte ich auch, Kataloge seien nur was für andere. Ein Freund zum Beispiel bestellte per Katalog aus Amerika ein Ding, das er unter die Klobrille tat, und wenn sich einer draufsetzte, tönte von unten eine Stimme: "Vorsichtig! Denken Sie an die, die hier unten arbeiten!" Verwandte aus der DDR wünschten sich alljährlich den Katalog eines bekannten deutschen Versandhauses, ein Mitbringsel mit kostspieligen Folgen.

Bei mir brach die Katalog-Krankheit erst aus, als eine Freundin ihre Boutique aufgab, in der ich mich jahrelang eingekleidet hatte. Zum Abschied schenkte sie mir zwei Kataloge. Ich blätterte darin, fand vor allem Gewehre und Fernrohre, weiter hinten Bekleidung, viel aus Loden: Kataloge für Jäger. Ich legte sie beiseite. Bis ich eines Tages eine warme Jacke brauchte. Ich fuhr in die Stadt, was heißt: fuhr, ich stand im Stau, fand keinen Parkplatz. Endlich im Geschäft angekommen, eine elegante Verkäuferin, der deutlich anzumerken war, daß sie schon bessere Kunden als mich bedient hatte. Immerhin, sie fand eine Jacke, die in etwa meiner Vorstellung entsprach, leider aber in meiner Größe nicht vorrätig war. Sie schleppte andere heran, pries: "Die wird gern gekauft!", während ich überlegte, wie ich mit Anstand, aber ohne Jacke wieder aus dem Geschäft rauskäme. In diesem Augenblick fielen mir die Jagd-Kataloge ein. Zu Hause überblätterte ich hastig Waffen, Sitzstöcke und grüne Unterwäsche und fand tatsächlich, was ich suchte.

Inzwischen bin ich Profi. Ich faxe meine Bestellungen, und wenn ein Rock keine Taschen hat (was soll man mit einem Rock ohne Taschen?), geht er zurück. Eine Freundin auf dem Lande, weitab von gutsortierten Kaufhäusern, bestellt sich vier Mäntel, um einen auszusuchen, und Pullover nebst Hosen in verschiedenen Größen fürs häusliche Anprobieren in aller Ruhe und schickt zurück, was sie nicht braucht.

Ich habe längst nicht mehr nur Kataloge für Kleidung. Per Katalog habe ich ein Ding bestellt, das, am Lenkrad angeschlossen, den Diebstahl des Autos verhindern soll. Bis jetzt konnte ich die Wirksamkeit allerdings noch nicht testen. Nach der Probe – gottlob ohne Lenkrad – bekam ich das Ding nicht wieder auf. Noch habe ich nicht reklamiert, aus Angst, ich könnte mich blamieren. Für meinen Vater, einen Briefmarkensammler, bestellte ich eine Briefmarke, die am Tag seiner Geburt gestempelt worden war. Für die Kanarienvögel eine Zimmervoliere aus Buchenholz, die ich in keinem Zoogeschäft fand. Für die Hündin das Spray "Hau ab!", das bei Läufigkeit Rüden fernhalten soll. Es gibt Kataloge für jeden, eben auch für Hundebesitzer, mit allem, was ein Hund von Welt braucht, ein Katalog, der mich (in den Augen von Nicht-Hundebesitzern) zu überflüssigen Käufen verführte, der dicken Spielkordel zum Beispiel und einer modischen Leine. Verführerisch auch der Katalog mit der Nostalgie im Haushalt, der die guten alten Emailleeimer anbietet, linnene Tischtücher, Rührschüsseln, wie meine Großmutter sie hatte, alles teuer, teuer. Überhaupt nehmen Kataloge zu, die offenbar eher für Chefetagen und Herrenhäuser konzipiert sind, in denen kaum was unter hundert Mark zu finden ist.

Meine Bestellungen sind raus. In den nächsten Tagen werden mir Pakete gebracht, die ich selbst an mich geschickt habe. Was drin ist? Überraschungen natürlich. Für Weihnachten.

Marlies Menge