Qumran, woher kennen Sie den Namen bloß? Nun, vielleicht aus Fernsehen oder Zeitung. Oder vom Einband eines der vielen Bücher, die in der Vorweihnachtszeit zu großen Haufen getürmt in den Läden auf thesenlustige Käufer warten? Eben, jetzt fällt es Ihnen ein: Hieß Qumran nicht die verfallene Ruinensiedlung am Toten Meer, in deren Nähe verwitterte Handschriftenrollen aus antiken Zeiten entdeckt wurden? Richtig. Und fand man diese Rollen nicht in steinernen Höhlen? Genau. Und geht nicht das Gerücht, Jesus selbst habe in Qumran gelebt, oder die Urchristen seien identisch mit den Verfassern der Rollen Texte? Und sollen die Fragmente nicht Jahrzehnte unter Verschluß gelegen haben, weil die Kirche die Wahrheit über Jesus unterdrücken wollte?

zwei Jahren mit dem Buch "Verschlußsache Jesus", in dem behauptet wird, aus den zerfallenen Qumranrollen ginge klar hervor, daß Jesus ein religiöser Eiferer der militantesten Sorte gewesen sei, und der Vatikan versuche mit repressiven Methoden das milde Jesusbild der Bibel zu retten. Ein Bestseller, der auf der antiklerikalen Welle surfte. Diesem Buch folgten die in Seiten gepreßten Phantasien der australischen Qumranologin Barbara Thiering, die aus den alten Fragmenten die Offenbarung erhalten haben will, daß "Jesus von Qumran" (so der Titel) die Kreuzigung heil überstanden und als Familienvater noch viele unbeschwerte Jahrzehnte verlebt habe. Und natürlich darf das Buch des amerikanischen Forschers Robert Eisenman nicht fehlen, der seine eigene Theorie über "Jesus und die Urchristen" (Titel) aus den Rollen vom Toten Meer herausschlüsselt - aber lassen wir das.

Professor Hartmut Stegemann hat jetzt auch ein Qumran Buch herausgebracht. Aber ein etwas anderes. Er behandelt das phantasiedurchtränkte Thema auf trockenerem, weil höhergelegenem Niveau. Es geht ihm nicht um die Verbreitung einer neuen schaurigschönen Theorie, sondern um die gerade in diesem Fall so nötige - Transparenz von Wissenschaft. Seit vierzig Jahren beschäftigt sich der Orientalist und Bibelwissenschaftler der Universität Göttingen mit den Fragmenten und Schnipselchen der Rollen. Er gehört zu den international anerkannten Kompetenzträgern, was die Handschriften von Qumran angeht. Sein Buch "Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus" trägt - um sich vom blasenwerfenden Hintergrund der Abenteuerpublikationen abzuheben - den dürren, gleichwie vielsagenden Untertitel "Ein Sachbuch". Und das ist es auch.

Stegemann beginnt da, wo für uns die Geschichte der Rollen anfängt: bei ihrer Entdeckung. Er erzählt von der abenteuerlichen Jagd nach ihnen, von ihrem Schicksal in den politischen Wirren des Nahen Ostens. Er erklärt die archäologischen Erkenntnisse, die die Ausgrabungen in der alten Ruine von Qumran mit sich brachten, und er schildert das Leben und Schicksal ihrer Bewohner, die er zu den Essenern rechnet, einer verbreiteten Religionsgemeinschaft im antiken Judentum.

Die Siedlung Qumran, so vermutet Stegemann, war eine kleine essenische Niederlassung, die 68 nach Christus von den Römern zerstört wurde. Ein professioneller Handwerkerbetrieb, spezialisiert in der Produktion und Beschriftung von Schriftrollen für die essenischen Glaubensbrüder. Stegemann besucht mit dem Leser jede der elf Höhlen, er faßt für ihn den Inhalt und den Hintergrund der wichtigsten Qumran Schriften zusammen und beschreibt die Lebensweise der Essener: ihre Lehre, ihre Riten, ihre Theologie. Und er weist nach, daß weder Jesus noch seine Anhänger über einen gemeinsamen jüdischen Glaubens- und Kulturraum hinaus mit Qumran zu tun hatten. Keine Enthüllungen, kein Krimi, sondern detaillierte wissenschaftliche Arbeit.

Stegemanns Buch ist kurzweilig, aber nicht einfach zu lesen. Es ist für den Laien geschrieben verlangt ihm jedoch Interesse und Konzentration ab. Der Bücherwurm muß sich einbohren und Freude am Studieren haben. Das Buch verzichtet auf jede reißerische Note und leider, leider auch auf Bebilderung. Und gerade deshalb steht zu befürchten, daß Stegemann die differenzierten Leser in seinen Bann schlagen wird, aber die mit leichter Kost und abenteuerlichen Theorien in die Irre geführten Leser der "Verschlußsache Jesus" oder des "Jesus von Qumran" nicht erreichen kann. Wer bei ihm eine Fortsetzung des Vatikankrimis erhofft, wird ernüchtert. Wer seriöse Aufklärung wünscht, kommt dafür auf seine Kosten.

Ein Sachbuch. Leider und Gott sei Dank. Ein Sachbuch; Herder, FreiburgBaselWien 1993; 381 S, DM 19 80