Von Marlene Stein-Hilbers

Die Familienverhältnisse sind durcheinandergeraten. Die Trennung oder Scheidung von Eltern auch kleiner Kinder ist heute fast normal geworden. Wohl gibt es sie noch immer, die "intakte" Familie mit Vater, Mutter und Kindern, und nach wie vor wächst die Mehrzahl aller Kinder so auf. Aber daneben haben sich andere Lebensweisen entwickelt: Unverheiratete und geschiedene Frauen, die alleine mit ihren Kindern leben, Stieffamilien mit und ohne Trauschein, nicht verheiratete Paare mit gemeinsamen Kindern und Kindern aus einer früheren Ehe. Für die USA gehen Schätzungen davon aus, daß rund die Hälfte aller Kinder in einer Einelternfamilie aufwächst. In Deutschland lebt mindestens ein Drittel aller Jugendlichen nicht mehr mit beiden leiblichen Eltern zusammen.

Fast immer ist eine Trennung begleitet von Streitereien, Wut, Trauer, und oftmals geraten Kinder ins Zentrum dieser Auseinandersetzungen. Und trotzdem muß eine Scheidung nicht das lebenzerstörende Trauma sein. Die meisten Scheidungskinder überwinden nach kurzer Zeit die Turbulenzen der Scheidungssituation und entwickeln sich weiter, wie die amerikanischen Familiensoziologen Frank Furstenberg und Andrew Cherlin in einem beeindruckenden Buch beschreiben.

Die Autoren wollten überprüfen, welchen Preis Kinder für die Scheidung ihrer Eltern zahlen und wie man ihn möglichst gering halten kann. Sie werten dazu vorliegende und eigene empirische Studien aus und beziehen sich vor allem auf die Ergebnisse des National Survey of Children, eine seit Mitte der siebziger Jahre durchgeführte Untersuchung, die das Leben amerikanischer Kinder anhand einer repräsentativen Stichprobe nachvollzieht. Unter Verzicht auf Moralisierungen analysieren Cherlin und Furstenberg den Prozeß des Zerfalls einer Ehe.

Die Mehrzahl aller Paare entscheidet sich nicht leichtfertig für eine Scheidung – insbesondere nicht, wenn Kinder da sind. Für gewöhnlich vollzieht sich eine Eheauflösung über viele Monate und schließt ein bis zwei probeweise Trennungen ein. Diese Zeit ist geprägt von schweren Auseinandersetzungen bis zu physischen Mißhandlungen von Frauen und auch Kindern. Den Kindern beschert dies eine lange Periode von Ängsten. Die in dieser Zeit getroffenen Vereinbarungen über Finanzen, Versorgung der Kinder und Besuche des ausziehenden Elternteils werden meistens als vorläufig begriffen und häufig revidiert. Erst ein bis zwei Jahre nach Trennung und Scheidung mildern sich die Konflikte.

Die bei Scheidungskindern häufig zu beobachtenden Verhaltensauffälligkeiten sind nach Furstenberg/Cherlin weniger Folge einer Scheidung als Begleiterscheinung vorausgehender Konflikte. Ein gleich hoher Anteil von Kindern aus sogenannten "intakten", aber konfliktbeladenen Familien zeigt ähnliche Schwierigkeiten.

Nach einer Trennung oder Scheidung leben kleine Kinder fast ausschließlich und größere ganz überwiegend bei ihren Müttern. Den meisten Eltern erscheint dies selbstverständlich, weil die Frauen auch vorher in erster Linie für die Kinder zuständig waren. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen bewirken, daß Frauen mit Kindern von den sozialen und ökonomischen Folgen einer Scheidung ungleich härter als die meisten Männer betroffen sind. In den USA lebt fast die Hälfte von ihnen an oder unterhalb der Armutsgrenze. Das wirkt sich natürlich auf die Scheidungskinder aus – beispielsweise durch den Umzug in eine kleinere Wohnung und den damit verbundenen Wechsel von Schule und Freundeskreis. Ähnliches gilt für die Bundesrepublik: Die meisten Frauen verzichten auf den Ehegattenunterhalt. Unterhaltszahlungen für Kinder fließen in fast der Hälfte aller Fälle nur spärlich und unregelmäßig.