Egal, mit wem man es im Falle Dostojevskij hält - ob mit den glühenden Bewunderern wie Nietzsche, D S. Merezkovskij oder Stefan Zweig, ob mit den respektvoll Distanzierten wie Thomas Mann ("Dostojewski mit Maßen"), ob mit Anton Cechov - selbst Valdimir Nabokov, harschester Kritiker des Autors, räumt ein, den Raskolnikov Roman mehrmals gelesen zu haben. Und wenn Cechov den Eindruck erweckt, er lese 1889 Dostojevskij zum ersten Mal, so flunkert er: "Das Drama auf der Jagd", Parodie auf den "größten Kriminal Roman aller Zeiten" (Thomas Mann), hatte er schon fünf Jahre zuvor geschrieben, und sein Mörder, Verbrecher und Untersuchungsrichter in einem, Porfirij, denkt nicht im Traum daran, sich zu stellen: "Sollen sie mich schnappen, aber von selbst gehe ich nicht zu ihnen . Bin ich daran schuld, daß die da so dumm sind "

Generationen, Generationen auch deutscher Leser, haben den Schmöker zweimal gelesen, das erste Mal, mit glühenden Ohren, als Pubertäter, das zweite Mal später, schon eher abgekühlt und dennoch, wieder, provoziert. Eine Ausnahme hiervon bilden nur die kühlen Beamten von CK, GPU, OGPU, NKVD und KGB: Bei ihnen lag dieser Roman immer in der Schublade parat, als Lehrbuch in Techniken des Verhörs, als lebenslange Pflichtlektüre sozusagen; selbst in den finstersten Jahren, als in der Sowjetunion keine Zeile Dostojevskij gedruckt wurde, war er am wichtigsten.

Ins Deutsche übersetzt worden ist der Roman oft. Zuerst 1882 von Wilhelm Henckel, der allerdings, "im Interesse des deutschen Lesers" (Vorwort), dem Text einiges Grelle, auch Deutschenfeindliche, in freiwilliger Zensur genommen hat; eine mutige Tat dennoch, hatte doch schon 1867 das vaterländische Magazin für die Litteratur des als Schmuddelei eingestuft, die "so sehr gesunder, lebensfrischer Gedanken wie überhaupt eines kräftigen, stärkenden Geistes (entbehrt), daß dieses neueste Erzeugnis der russischen Literatur wohl kaum zu den bleibenden Werken der neuen Periode gerechnet werden" könne. Der Mensch, der kann sich irrn.

In den 111 Jahren deutscher Rezeptionsgeschichte hat Dostojevskijs Roman wohl sämtliche Beschädigungen durchlitten, die ein Stück Literatur durch Übersetzung ins Deutsche erfahren kann. Angefangen von erfundenen oder verfälschenden Titeln, über das Ignorieren der Form, der künstlerischen Struktur, sinnwidrige Kürzungen undoder, Zusätze bis zu willkürlich veränderter Interpunktion, zerhackten Satzperioden; von der Sprache, dem Rhythmus oder dem Gefühl für Musikalität zu schweigen. So daß die Frage berechtigt ist: Was wissen wir eigentlich vom Stil Dostojevskijs? Nicht viel. Denn bisher sind wir eher mit dem "Stilgefühl" seiner deutschen Übersetzer bedient worden, und dies berief - und beruft sich bis heute - meist auf seinen "guten Geschmack", auf die Duden Vorschriften und Regeln des "gepflegten Ausdrucks".

Ein Beispiel? In einem Monolog während des ersten Verhörs sagt Raskolnikov zu sich selbst: Sie verhöhnen mich, "sie spucken mir ganz offen in die Fresse!" Er sagt es so drastisch (pljujut v ren Texten lautet der Satz: "Sie speien mir ganz offen ins Gesicht", in jüngeren "spucken" sie schon mal, aber beim "Gesicht" bleiben alle. Noch eins? Razumichin sagt zu Raskolnikov, der ihn perfide hänselt: "Sehwem!" Ein Mann, ein Wort, zudem eine der seltenen Gelegenheiten, mal um eine Silbe kürzer zu sein als das russische Original (svinjä) - nein, sie müssen ein "Du" davorsetzen oder gar einen ganzen Satz dichten: "Du bist ein Schwein!"

Es ist also alles andere als ein Wunder, daß neben solchen Übersetzungen der Text Dostojevskijs frisch bleibt wie am ersten Tag seines Erscheinens, und das hat weniger mit der Binsenwahrheit vom Altern von Übersetzungen zu tun als vielmehr mit handwerklichen Unarten, Unkenntnis der Möglichkeiten der eigenen Sprache und mit dem Unverständnis für stilistische und sprachliche Strukturen des Originaltexts.

Eine andere Binsenwahrheit besagt, Dostojevskij habe "schlampig" geschrieben, in großer Eile, ewig in Zeitnot: Während die ersten Kapitel schon im Satz oder bereits erschienen waren, habe er noch an der Fortsetzung gearbeitet, daher sei auch die Komposition seiner Romane nachlässig, und so weiter. Schon Wilhelm Henckel vertritt in seinem Vorwort diese Ansicht: "Der Hauptwerth des vorliegenden Romans liegt nicht in dem künstlerischen Aufbau der Erzählung, viel weniger noch in den poetischen Schönheiten der Sprache - nein, Fürst Kropotkin, Nabokov et alteri sehen das anders; sie bestreuen gerade diese "Wahrheit". Und noch anders sieht das Michail Bachtin in seinen "Problemen der Poetik Dostojevskijs" von 1929 (deutsch erschienen in der schönen Reihe "Literatur als Kunst", Hanser, 1971): In dieser grundlegenden Analyse erklärt Bachtin Dostojevskij zum großen Neuerer gerade der Romanorm, da er mit der polyphonen Struktur seiner Romane die monologische Erzählform des westeuropäischen Romans abgelöst habe - und sowohl die Dialoge als auch die großen inneren Monologe, die zusammen die Polyphonie bilden, sind, wie Bachtin nachweist, sprachlich und stilistisch minutiös genau gearbeitet.