Der Traum eines Prinzen vom Glück: ein Theater bauen – und alle Uhren zerschlagen! Das ist das Ende von Georg Büchners zu Tode betrübter Komödie "Leonce und Lena".

In "Rolling", einem Stück von Achim Freyer, geht derselbe Traum rückwärts. Das Theater zerschlagen – und alle Uhren in Gang setzen! Denn auf der Bühne geschieht, genau eine Stunde lang, radikal so gut wie beinahe nichts. Aber über der Bühne rasen die Chronometer. Zwei Fernsehmonitore zeigen dem verehrten Publikum, auf die Sekunde genau, die bereits vergangene (leider nicht: die noch drohende) Spielzeit.

Eine weiße, von Neonröhren bestrahlte, etwas mehr als mannshohe Wand zerteilt in einer Diagonale die leere Volksbühnenbühne. Vor der weißen Wand flanieren, in einer monotonen, endlosen Prozession, weiße Gestalten in sahneweißen Sommeranzügen, mit weißen Handschuhen, aber blutroten Fingernägeln – statt eines Menschenkopfes tragen die Weißen grinsende Pappmasken, als seien sie unterwegs zur Kirmes oder zum nächsten Kaufhaus-Schaufenster.

Kommen und Gehen, Gehen und Kommen. Das ist alles. Beinahe alles. Vom Tonband plätschert eine Endlos-Musik, plaudert englisch eine schläfrige Männerstimme. Nur manchmal fährt Leben hinein in den todmüden Maskenzug: Ein italienisches Schlagerliedchen geht los und erinnert den theaterschlafenden, winterschlafenden Zuschauer an Sommer und Gelati, an Mama und Amore. Ach ja: Nach Italien zu ziehen, sofort!, ist auch einer der Träume des von der deutschen Langeweile gefolterten Prinzen Leonce.

Der Chronist, das Beinahe-Nichts auf der Bühne mit schwerer werdenden Lidern betrachtend, hat beinahe alle Zeit der Welt, dem unergründlichen Phänomen der Zeit nachzusinnen (exklusiv für die Zeitung DIE ZEIT). Alte Sprüche, uralte Lieder besetzen das von Achim Freyers ödem Prozessionstheater leer geräumte Gehirn. "Die Zeit vergeht", heißt es bei Botho Strauß dem Jüngeren, "aber nicht richtig." "Zum Raum wird hier die Zeit", das steht doch wohl im "Parsifal"? Oder umgekehrt? Und aus längst versunkenen Schülertagen weht ein Verslein des göttlichen Carossa herbei: "Alle Dinge befreit / Von der zehrenden Zeit".

Das sind so die stillen Freuden des düpierten Theatergehers. Das gemeine Publikum in der Berliner Volksbühne hingegen vertreibt sich die Zeit, während Freyers Maskenmenschen kommen und gehen (immer an der Wand lang), auf lärmende Weise. Zuerst mit Hüsteln und Gekicher. Sodann mit kessen Zwischenrufen. Als die Uhren über der Bühne die Vollendung der dreißigsten Minute anzeigen, schreit einer "Aufhören!", ein zweiter "Anfangen!", ein dritter "Jetzt geht’s los!" Nach 38 Minuten 50 Sekunden verläßt der Korrespondent der Zeitschrift Theater heute samt Gefolge das Theater; für das Theater morgen ist sein Fachblatt ja auch nicht zuständig.

So (und so ähnlich) geht die Zeit dahin – bis nach genau 60 Minuten das Licht über der Szene jählings erlischt. Vorher hatten sich allerdings noch einige geradezu hochdramatische Dinge auf der Bühne zugetragen. Unter die weißen Masken hatten sich schwarze Masken gemischt, eine Zeitlang hatten die Schwarzen die Weißen verdrängt, bevor am Ende (das ist der böse Lauf der Welt) doch wieder die Weißen die Oberhand gewannen.