Ein suspendierter Beamter kehrt rehabilitiert ins Amt zurück, die nach Korruption suchenden Staatsanwälte ziehen unverrichteter Dinge wieder heim: Was bleibt vom Aids-Skandal?

Gewiß, mit manchen Vorwürfen mag Horst Seehofer recht gehabt haben. Nicht aber mit den Konsequenzen: Die Auflösung des Bundesgesundheitsamtes war ein heroischer Schritt in die falsche Richtung. Denn beim BGA ist schon zwei Jahre vor der Einführung des HIV-Tests die Gefahr erkannt worden, die von Blut und Blutpräparaten ausgeht. Das Bonner Ministerium hatte indes nicht reagiert.

Jetzt will Seehofer die Fehler seiner Vorgänger ausbügeln – und macht alles nur schlimmer. Beispielsweise mit seinem Vorschlag obligatorischer Tests bei jeder Blutuntersuchung. Darauf besitzt sein Parteifreund Peter Gauweiler das Copyright. Solche Tests würden indes nur die Menschen ängstigen und die Kassen um rund 500 Millionen Mark erleichtern, nicht aber die Sicherheit vor Aids erhöhen.

Durch den herbeigeredeten Aids-Skandal unterbleiben lebensnotwendige Transfusionen von Blut oder Frischplasma. Was mag den Minister getrieben haben, die Bürger zu verängstigen? Oder will er es den Ärzten heimzahlen, die sich seinem Gesundheitsstrukturgesetz verweigerten?

Die große Verwirrung rührte wohl auch von dem Mangel an sachkundigen Beratern im Ministerium her. Geht die Abneigung gegen Ärzte dort so weit, daß sie schon nicht mehr gefragt werden, wie der Infektiologieprofessor Hans Pohle, der Mitglied im Nationalen Aids-Beirat ist und einiges zur Aufklärung hätte beitragen können? Oder spielt die parteiliche Rücksicht auf die Vorgänger des Ministers eine größere Rolle als Sachkenntnis?

Sachkenntnis hätte jedenfalls verlangt, mit der angeordneten Laborberichtspflicht für HIV-Infektionen auch die Infektionswege des Erregers der Immunschwächekrankheit zu erfassen, selbstverständlich anonym. Nun wird es trotz der Massentests unklar bleiben, welche Infektionen aus ärztlicher Behandlung und welche aus sexuellen Kontakten stammen.

Hans Harald Bräutigam