Wissen Sie, was ein Bfennbutzer ist? Ein Krautböppel, Gickelmann oder Tatterbutzen? Solche bayerischen Dialektausdrücke sind das Spezialgebiet des Erlanger Germanisten Alfred Klepsch, der an einem ehrgeizigen Projekt arbeitet: Zusammen mit anderen Sprachwissenschaftlern will er einen Mundartatlas für ganz Bayern schreiben, dessen Karten die regionalen Besonderheiten der Sprache darstellen. Sechs Universitäten sind an dem Vorhaben beteiligt, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Freistaat Bayern mit stolzen zwölf Millionen Mark finanzieren. Grundlagenforschung also. Doch nützt das dem Forschungsstandort Deutschland etwas? Eine kleinliche Frage angesichts der beängstigenden Tatsache, daß die Dialekte aussterben. Schuld daran sind das Fernsehen, die erhöhte Mobilität der Gesellschaft und der Deutschunterricht in der Schule, der die Mundart nicht als eigene Sprache anerkennt, sondern sie bekämpft.

Dem wollen die bayerischen Sprachforscher zuvorkommen. Speziell ausgebildete Interviewer, die Exploratoren, ziehen von Dorf zu Dorf, um unverfälschten Dialekt einzufangen. Ältere Menschen, die möglichst das ganze Leben in ihrem Heimatdorf verbracht haben, werden in rund vierzig Stunden mit 2695 Fragen bombardiert. Die Exploratoren reden über Landwirtschaft und tägliches Leben, nehmen Dialektausdrücke auf und notieren sich grammatikalische Besonderheiten. Denn der Sprachforscher weiß: In der Mundart gibt es nicht nur andere Wörter als im Hochdeutschen, sie werden auch anders gebeugt. Die Kuh zum Beispiel heißt im Osten Mittelfrankens "Kou", im Westen "Kua"; im Plural wird daraus "Köi", "Kih", "Kia" und "Küh". Bei Verben ist es noch komplizierter. Im Lotterhof bei Feuchtwangen zum Beispiel konjugieren die Großeltern "tun" ("doa") so: "ich du, du duscht, er/sie/es duad, wir deana, ihr deand, sie deana".

Um solche Feinheiten festzuhalten, bedarf es natürlich eines ausgefeilten Instrumentariums. Die Interviewer verwenden eine spezielle Lautschrift namens "Teuthonista". Damit sie jeden Laut korrekt zu Papier bringen, müssen sie unter anderem fünfzehn Zwischenstufen von "e", "ä" und "ö" und fünf Varianten des für das Fränkische typischen Konsonanten "1" unterscheiden können. Diese Kunst, meinen die Linguisten, kann nur jemand beherrschen, der in der Region aufgewachsen ist. Der Leiter des Projekts in Mittelfranken, Horst Haider Munske, scheidet zum Beispiel als Explorator aus: Er hat seine Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet und in Ostdeutschland verbracht. Doch selbst der gebürtige Franke Klepsch gerät ins Schleudern, wenn er an der Grenze zu Unterfranken unterwegs ist, denn dort reden die Leute auch für seine Ohren ungewohnt.

Doch kommen wir zu den Anwendungen für das Kartenwerk: Von einem Dialektatlas könnten zum Beispiel Lehrer profitieren. In der Schule ließen sich mundartbedingte Fehler mit seiner Hilfe leichter erkennen. Auch für Historiker verspricht der Atlas neue Erkenntnisse: Die Mundarten stammen aus der Zeit zwischen 500 und 1000 nach Christus, aus der wenig überliefert ist. Auf einer Dialektkarte können Fachleute zum Beispiel Handelswege und Völkerwanderungen nachvollziehen. Selbst das Alter einer Siedlung läßt sich damit ermitteln. "Auf die Frage, wo der Nachbarort liegt, antworten die Leute oft ,vorne‘, wenn das eigene Dorf jünger ist, ‚hinten‘, wenn es älter ist", berichtet Klepsch.

Und selbst einen Hinweis auf einen möglichen Nutzen ihrer Arbeit für die Hochtechnologie können sich die Erlanger Linguisten nicht verkneifen. Mit enormem Aufwand wird seit einigen Jahren an automatischer Spracherkennung geforscht. Sollte es irgendwann einen Computer geben, mit dem man reden kann, muß der natürlich auch Dialekt verstehen. Ob er allerdings wissen muß, daß Bfennbutzer und Krautböppel Synonyme für das Wort "Vogelscheuche" sind, bleibt abzuwarten. Wolfgang Blum