Von Ursula Bode

Eine präparierte, in der Mitte zerteilte Kuh bei der Biennale in Venedig. Und kürzlich in der Sonderschau des Internationalen Kölner Kunstmarkts der in Formalin schwimmende Tigerhai, nebenan im Glaskäfig ein, beschleunigt durch eine Heizsonne, verwesender, von Fliegen umschwärmter Kuhkopf. Die toten Tiere des Damien Hirst dienten hier dem spekulativen Ruhm der Londoner Saatchi-Kollektion, die bei der Art Cologne Neuigkeiten aus ihrem Bestand junger englischer Kunst vorführte – durchaus zum Schrecken des Publikums.

So suggerierte Hirsts aseptischer Hai die lebendige Erscheinung eines Fisches, als könne Kunst tatsächlich eine Art Schonraum für Problemfälle, ein Aquarium für bedrohte Arten sein. Der unappetitliche Kadaver dagegen bewies die Zeitlichkeit allen Daseins so intensiv, daß der Gestank aus allen Ritzen drang. Zu sublimieren ist nichts mehr, wenn Kunst mit Wirklichkeit antwortet.

Mit der Perfektion eines Messearchitekten für Industrieerzeugnisse gab hier vielmehr ein 28jähriger die jahrhundertealte Tradition eines Menschheitsthemas preis. Die Doppelinszenierung seines Memento mori bedurfte keiner Metaphern. Ihr genügte die Demonstration blutiger Realität, wobei nicht wenige Besucher sich der direkten Begegnung mit dem Motiv der Vergänglichkeit durch die Flucht entzogen. Andere, die beeindruckt von "starken Arbeiten" sprachen, blieben auch nicht unbedingt länger vor den Objekten stehen. Was verständlich ist. Denn Hirsts drastische Botschaften sind rasch verstanden, allzu rasch.

Viel später, in der Kölner Jablonka Galerie, wo Damien Hirst neuere Arbeiten zeigt, die sich als stille Installationen ohne Hautgout herausstellen, fällt einem jemand ein, der keinen Kronzeugen für publicitysüchtige Inszenierungen abgibt, wohl aber einen Ahnherrn jener seltsam nüchternen, selbstbewußt vorgetragenen Darbietung des Unabwendbaren. Es ist Jeremy Bentham, ein exzentrischer Herr und weiser Gelehrter, der seit mehr als 160 Jahren in einem Schrank aus Mahagony weiterlebt. Das edle Gehäuse hat seinen Platz in der Bibliothek des University College, jener liberalen Institution in London, die Bentham 1826 mitbegründete.

Dieser Mann hatte die Nützlichkeit zum Prinzip des Lebens und des Handelns erklärt, und er hielt sich selbst im Tode daran: Zunächst ging sein Körper an die Kollegen von der Anatomie – damals eine unstandesgemäße generöse Geste. Dann wurde, was blieb, konserviert, mit einem Anzug des Verblichenen bekleidet und zum intellektuellen wie emotionalen Vorteil der Nachwelt, im Schrank zur Schau gestellt. Gute Form, im Leben wie im Tod.

Dieser Untote paßt als Gespenst gar nicht schlecht in Hirsts neue Welt aus Glas und Stahl, in diese Zellen, die totale Einsicht, aber keinen Zugang bieten. Der Künstler als handelnde Person existiert in ihnen nicht. Was immer Damien Hirst baut, arrangiert oder malt – es hat so anonym zu wirken, als gäbe es keinen Autor dafür. Seine iaumgreifenden Konstruktionen, wie sie jetzt bei Jablonka zu sehen sind, sprechen von der Nüchternheit der Dinge, von ihrer Allgegenwart – und von der Abwesenheit alles Lebendigen. Im gläsernen Käfig ausgesetzt ein halbierter Bürostuhl, ein zerteilter Tisch, ein mit glattem Schnitt zerstörter Aschenbecher und unzerstörte Kippen. Eine andere Arbeit führt einen schwerelos tanzenden Tischtennisball vor: ein absurdes Nichts, ein physikalisches Kinderspiel, mit einigem technischen Aufwand hergestellt. Vitrinen mit gereihten Glasgefäßen antworten auf ihr spiegelverkehrt arrangiertes identisches Gegenüber. Gemalte Kreisformen, bunt wie Bonbons und heimtückisch harmlos, fügen sich zu Bildern mit dekorativem Anspruch. Jede Farbform steht für eine Droge. Reihung, Wiederholung, Spiegelung der Realität und in den Titeln das Leben: "The Acquired Inability to Escape". "Alone yet Together and in Love". Die Kälte ist Programm, und sie wird mit einer enormen Verschwendung von Material und Energie inszeniert.. Manchmal glaube er, daß er nichts zu sagen habe, und genau dies wolle er vermitteln: So wird Damien Hirst in einem Londoner Katalog von 1991 zitiert. Da wußte der intelligente Junge auch schon, wie er diese Sprachlosigkeit wirksam zu präparieren hatte. Das eigentlich Provozierende an Damien Hirst ist die Indifferenz und seine prätentiösen Methoden der Distanzierung. Dies natürlich hat der Menschenfreund Bentham gerade nicht gewollt. Man kann auch sagen: Da würde der Menschenfreund Bentham sich in seinem Schrank umdrehen. (Jablonka Galerie, Köln, Venloer Straße 21, bis Januar 1994)