Eine vorzügliche Anthologie bietet die Möglichkeit, einige Schriftsteller aus dem selbständig gewordenen baltischen Staat kennenzulernen. Der Versuch, es einmal mit estnischer Literatur zu probieren, lohnt nicht nur im Falle von Jaan Kross, dem einzigen estnischen Autor, der bei uns kein Unbekannter mehr ist, sondern auch bei den sieben anderen Erzählern, die der informativ benachwortete Sammelband, herausgegeben von Irja Grönholm und Cornelius Hasselblatt (Trugbilder. Moderne estnische Erzähzählungen ist von der gesellschaftskritischen Satire eines Arvo Valton über die experimentelle Prosa von Mati Unt bis zur virtuosen, an Borges geschulten Phantastik eines Ülo Mattheus geschlagen. Vielleicht werden die estnischen Autoren, denen die neuesten Entwicklungen der westlichen Literatur durchaus geläufig sind, in den kommenden Jahren endlich häufiger ins Deutsche übersetzt werden. Zu wünschen ist es jedenfalls, denn die Literatur, die dort, an einem der entzündeten Ränder Europas, entsteht, weiß uns von der Peripherie aus auch über das Zentrum zu berichten; die estnische Literatur wächst aus der Spannung ganz verschiedenartiger Traditionen und Einflüsse, und das macht es, daß sie uns bald verwandt, bald fremdartig anmutet und uns so die Augen nicht nur für das ferne Estland öffnet, sondern auch für das Fremde in uns.