Von Dieter E. Zimmer

Unfallforschung und Kriminalistik haben also mit Leichen experimentiert. Wenn das Land jetzt darüber erschrickt, so ist es ein später Schreck. Alles war ja seit Jahrzehnten bekannt, wurde nur ignoriert oder schnell wieder vergessen. Heute sollte der Schreck dafür wenigstens ein doppelter sein.

Einmal dieses – sicher gesunde – spontane Grausen bei der Vorstellung, wie da (vor zwanzig Jahren in Hamburg) ein Gerichtsmediziner Dumdumgeschosse in die Köpfe Toter feuerte; oder wie (seit zwanzig Jahren in Heidelberg) Tote, auch tote Kinder, bei Crashtests zermalmt wurden.

Dann aber auch der sehr viel schwierigere Schreck, daß hier keine Frankensteins am Werk waren, die aus Niedertracht handelten, sondern alles selbstlos und aus Menschenfreundlichkeit geschah, nämlich zu unserem, der noch Lebenden Nutzen.

Ob jene Experimente notwendig waren, ist strittig. Vielleicht – Wissenwollen macht erfinderisch – hätten sich die gewünschten Erkenntnisse auch anders sammeln lassen. Die Frage aber lenkt nur ab. Hier waren solche Experimente vielleicht nicht "notwendig"; das nächste Mal könnten sie es sehr wohl sein, und dann ließe sich die Grundfrage nicht länger umgehen. Sie lautet: Gibt es über den Tod hinaus ein Recht auf körperliche Integrität? Wieviel Respekt schulden wir den Toten?

Bis ins ausgehende Mittelalter war der Leichnam unantastbar. Er beherbergte ja die unsterbliche Seele und sollte mit ihr wieder auferstehen. Mit den ersten Sektionen an den Universitäten von Bologna und Montpellier begann um 1315 die Medizin der Neuzeit. Sie begnügte sich nicht mehr damit, die Lehrmeinungen des Hippokrates und Galen zu wiederholen. Sie wollte selber ins Körperinnere sehen; sie wollte die aut-opsia, und man müßte schon sehr fundamentalistisch gesinnt sein, um ihr einen Vorwurf daraus zu machen. Für die Autopsie standen ihr nur die Leichen von Verbrechern und Selbstmördern zur Verfügung – zu wenige für die explodierende Neugier der Anatomen in den folgenden Jahrhunderten. Leichendiebstahl wurde zu einem verbreiteten Delikt.

Der alte Widerspruch zwischen allgemein-humaner Wißbegier und persönlich-humaner Pietät färbt ab bis in die heutige Rechtslage. Der Mensch ist Inhaber, aber nicht Eigentümer seines Körpers. Sein Leichnam wird zur "herrenlosen Sache", über die nur die Angehörigen ein begrenztes Verfügungsrecht haben, zwecks "Wahrnehmung der Totenfürsorge".