Arche Literatur Kalender. So schön war dieser immer anregende Kalender in den zehn Jahren seines Bestehens noch nicht. Liegt es am Thema? Amouren und Affären unter Schreibenden. Auf 52 Blättern also unter einer Datums Leiste mit Geburts- und Sterbe Tagen von Schriftstellern aus allen Zeiten, allen Ländern: ein (oft zu kühn eingefärbtes) Bild oder Photo des (auch gleichgeschlechtlichen) Paares und einen noch nach Jahrhunderten glühenden Schwur oder einen schwermütigen AbschiedsSatz. Rebecca West an H. G. Wells im Sommer 1913: "Du hast mich buchstäblich ruiniert. Ich bin auf meine Grundfesten niedergebrannt. Ich werde mich wieder aufbauen oder auch nicht Und wie überanstrengt sich und die deutsche Sprache der in die Dichter Kollegin Eise Lasker Schüler "kosmisch" verliebte Peter Hille: "Du mein herrlicher Schicksalsbackfisch mit den verdammnislodernden Sonnenaugen! Ich durchtränke meinen Geist mit den stygischen Qualendämpfen, darin sich wahrlich verzogene Sonnen der ewigen Seligkeit brechen, um reifes Urteil auszuschwingen " (Textauswahl: Klaus Blanc, Elisabeth Raabe; Photoauswahl: Regina Vitali; Arche Verlag, Zürich; 32 - DM) Aufbau Literatur Kalender. Der im 27. Jahr erscheinende Kalender des einst berühmtesten Literatur Verlages der DDR stellt jede Woche einen Autor in Bild und Zitat vor. Wie im Arche Kalender wird Tag für Tag an Autoren erinnert, die da geboren oder gestorben sind. Und es wird klar, in wie verschiedenen Traditionen von Kultur die Menschen in beiden Teilen Deutschlands vierzig Jahre lang, getrennt, aufgewachsen sind. Natürlich gedenken beide Kalender der am 6. Juni geborenengestorbenen Dichter Corneille, Puschkin, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, Eisenreich; doch wo Arche an Hans Leip oder Joyce Carol Gates erinnert, greift Aufbau in ganz andere Regionen aus mit Louis Sebastien Mercier oder Viktor Konezki. Und sollen wir am 11. Juni mit Arche nur um den doch sehr toten Adolf Müllner trauern, der vor 165 (!) Jahren den Federkiel aus der Hand gelegt hat, so ruft Aufbau eine ganze Heerschar toter und lebender Autoren herbei: Ben Jonson, Wissarion Belinski, Azorin, Bruno Frei, Yasunari Kawabata, Athol Fugard, Richard Pietraß, Oton Zupanci5 und Corrado Alvaro (Redaktion: Günther Drommer; Aufbau Verlag, Berlin, 24 80 DM) Kleiner Bruder. In vielen Jahren hat sich dieser "Gedichtekalender" seinen Familien Namen "Bruder" mit immer neuen Überraschungen verdient. Traugott Giesen hat auch für die zwölf Monate des neuen Jahres je zwei Gedichte ausgewählt, wobei das Kalendarium jeweils für den ganzen Monat auf jedem der beiden Blätter mitgedruckt wird, was mir gefällt, was andere, wie ich lerne, irritiert, weil sie beim Blick auf den Kalender gern auch wissen möchten, in welcher Woche des Jahres sie gerade sind. Wer die Gedichte liest und die Jugendstil Ornamente auf manchen Seiten betrachtet, kann auch 1994 Entdeckungen machen. Wo findet man sie schon zusammen, Jandl und Bergengruen, Simon Dach (1605 1659) und Sarah Kirsch, den Verseschmied Fontäne und den unbekannten Dichter des Volkslieds aus dem 16. Jahrhundert "Maria durch ein Dornwald ging" (Verlag Langewiesche Brandt, Ebenhausen, 20 - DM) Isolde Ohlbaum: "Autorenporträts". Die einen seufzen: "Tristan", wir sagen: Isolde. Isolde Ohlbaum. Kein Wort, kein Gedicht. Zwölf große Photos lebender und toter Schriftsteller dieses Jahrhunderts. Da merkt man, wie klug die Photographin ist, tagelang bei Autoren Treffen dabeizusein und nur zuzuhören. Sie hat die Kamera nicht dauernd im Anschlag. Aber wenn sie danach eine Dichterin, einen Erzähler besucht, weiß sie, ob sie sich einfach still ins dunkle Arbeitszimmer der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood setzen oder einen zur witzigen Selbstdarstellung fähigen Einsiedler wie Thomas Bernhard im übergehängten Pelzmantel vors Haus, in den Schnee locken soll, (ars vivendi verlag, 90553 Cadolzburg, 34 - DM) Philosophie Kalender. Auf den von Frauke Hamann (Wort- und Bild Redaktion) herausgegebenen Kalender hat man sich zu Recht gefreut. Das schmale Buch, stabil gebunden, ersetzt die Kladden von Tisch- und Termin Kalender. Auf der rechten Seite ein Wochen Kalendarium für jeden Tag (mit sparsamen Hinweisen auf Geburtsund Todestage großer Denker) und viel Platz für Notizen, auf der linken, mit Bild, Kurzbiographie und Zitat die Erinnerung an kritische Köpfe aus alter und neuer Zeit. Kennen Sie Pietro Pomponazzi (1462 1525), den der Papst bekämpfte, weil er die Unsterblichkeit der Seele als Erfindung der Theologen lächerlich machte? Oder Maria Zambrano (1904 1991), die spanische Philosophin, die mit ihren "Waldlichtungen" die Wissenschaftssprache - wie manche Frauen und Männer aus südlichen Ländern vor ihr - um die poetische Dimension erweitert? (Junius Verlag, Hamburg, 120 S, Abb, 29 80 DM) "Das Segel ist die Liebe - Mystische Losung für jeden Tag Ein solches Brevier, dem christlichen Erbauungs Büchlein der "Losungen" nachgemacht, wäre vor ein paar Jahren wohl nicht nötig (oder verkäuflich) gewesen. Nun schmückt sich der Insel Verlag mit dem kostbar gedruckten, mit farbigen Bildern verzierten Lesebuch der Innerlichkeit, das Wolfgang Böhme, "unter Mitwirkung von Freunden der Mystik", zusammengestellt und herausgegeben hat. Erlösung von der Qual der Wahrnehmung und kritischen Anschauung der Wirklichkeit - hier fließt sie aus Tersteegens "Geistlichem Blumengärtlem inniger Seelen" oder aus Dag Hammerskjölds "Mystischem Erlebnis". Ein Gebetbuch der modischen Abkehr von aller noch kaum begonnenen - Aufklärung im größeren Deutschland, das sich in dumpfe Enge flüchtet? Ein östlicher Sufi Weiser gibt immerhin für den 7. Mai zu bedenken: "Die Liebe zwischen zweien ist erst dann gut, wenn der eine zum anderen sagt: Ich!" (Insel Verlag, FrankfurtM ; 220 S, 24 80 DM) "Mit Musik durchs Jahr - Ein immerwährender Kalender Das mit Tabellen, Adressen, Register ergänzte Kalenderbuch, eher ein kleines Nachschlagewerk, reserviert je zwei Tagen eine Seite, oft mit dem Paßbild eines Komponisten. Unter dem Datum findet man nicht nur Geburts- und Todes, sondern auch Uraufführungs Daten (Piper Verlag, München; 264 S, Abb, 19 90 DM) TASCHENKALENDER Reclams Literatur Kalender. Nach einem Kalendarium mit Geburts- und Todestagen stellt der schmale Band, wie in jedem Jahr, "Autoren des Verlages" mit Bild, Kurzbiographie und Textproben vor, diesmal Jubilare wie Properz und Erich Fried, Hans Sachs, Voltaire, Gottfried August Bürger oder Hans Henny Jahnn. Und weil Christina Georgina Rossetti vor hundert Jahren gestorben ist, können wir das schlicht "Song" genannte Gedicht lesen, mit dem sich die präraffaelitische Lyrikerin in der ihr eigenen Schwermut den Abgesang aufs Leben geschrieben hat, mit den sprichwörtlich gewordenen Versen: "And if thou will, remember, And if thou will, forget" Und wenn du willst, gedenke mein, Und wenn du willst, vergiß (Redaktion: Albert Haueis, Reclam Verlag, Stuttgart; 128 S, Abb, 3- DM) "Mit Goethe durch das Jahr Im 46. Jahr erscheint der von Effi Biedrzynski herausgegebene Kalender. Was soll da schon Neues zu entdecken sein, bei dem bis auf die Wurzeln abgegrasten Goethe. Ja, laßt nur eine Kennerin und unermüdliche Leserin von Goethes Werk an den Computer: Schon liegt ein aufregendes, kleines Buch vor uns - einer der aktuellsten Beiträge zur politischintellektuellen Debatte um deutsche Kulturpolitik in diesen finsteren Jahren. Was hat Goethe, der in seinem thüringischen Ländchen Sachsen Weimar nie "Kultur und schon gar nicht "Kultus Minister" war, für Kunst und Wissenschaft, für Malerei und Theater, für Museen und Universitäten getan, gesagt, geschrieben? Die Frage erweist sich von höchster Dringlichkeit. Das Bändchen sollte man jedem über Kultur und Politik schwätzenden Beamten und Volksvertreter, auch dem RotstiftKanzler in Oggersheim, unter den Weihnachtsbaum legen. Der sich in einer Bibliothek "wie in der Gegenwart eines großen Kapitals, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet", fühlende Dichter (und Bibliotheks Hausherr) hat auch vor zu vielen Preisen gewarnt: "Gönner fördern den Künstler, das ist recht und gut; aber dadurch wird nicht immer die Kunst gefördert (Artemis Verlag, Zürich; 144 S, Abb, 12 80 DM) Nautilus Literarischer Taschenkalender. Thema ist, im vierten Jahr der Einheit: "Das neuste Deutschland". Wenn wir das Motto von Mario Persch gelesen haben: "Die Schatten werfen ihre Ereignisse voraus", wissen wir, was uns in den Gedichten und Prosatexten zwischen dem Kalendarium jedes Monats erwartet. Erfrischend kritischer Blick auf die nächsten 365 Tage (Herausgeber: Lutz Schulenburg, Textauswahl: Ronald Gutberiet, Gestaltung: Klaus Voß; Nautilus Verlag, Hamburg; 240 S, 14 80 DM) Literatur 94 - Taschenkalender. Auch Christoph Heubner und Alwin Meyer suchen die Verbindung von (Termin )Kalender, Nachschlagewerk, Adreßbuch und kleinem Lesebuch. Gedichte, Zeichnungen, Prosa Stücke machen den Kalender zu einem kleinen Literatur Verführer. (Lamuv Verlag, Göttingen; 260 S, 9 80 DM) Der jüdische Kalender. Vor einem solchen Kalender muß niemand zögern. Das garantieren schon die Namen der Herausgeber: Henryk M. Broder und Hilde Recher. Da wird nicht missioniert, sondern erzählt - etwa davon, daß Juden am 16. September 1994 den Beginn ihres neuen Jahres feiern werden, und das ist dann schon das 5754. Wohltuend lassen die Herausgeber in gut 350 Beiträgen nicht in Vergessenheit geraten, daß wir mit "jüdisch" auch "Witz" in Verbindung bringen können - etwa mit Woody Allens Satz über den Tod: "Ich habe nichts gegen das Sterben. Ich will nur nicht dabeisein, wenn es passiert " Auch hier: der Kalender (auf jeder Seite zwei Daten mit historischen Erinnerungen, Anekdoten, Rezepten) als gescheites Lesebuch (Ölbaum Verlag, Augsburg; 288 S, 16 80 DM) Roter Kalender - gegen den grauen Alltag. Das ist ein Jahresbegleiter für angehende und fortgeschrittene Leser: Am Kopf jeder Seite steht eine Buch Empfehlung. Wer sich den Gang zu Buchhandlung oder Bibliothek nicht leisten kann, ist mit der von Michaela Adelberger und dem Rotbuch Team getroffenen Auswahl von älteren und neuesten Texten und Cartoons gut bedient (Rotbuch Verlag, Berlin; 192 S, 9 50 DM) Grüner Kalender. Wer sich mit diesem Kalender durchs neue Jahr kämpft, auf jeder Seite können zwei Tage mit Terminen überhäuft oder einfach abgehakt werden, wird vor jedem Monatsbeginn mit einem Gedicht wieder ins Leben gerufen, mal der barocke Gryphius, mal der in seiner Modernität gar nicht modische Hans Magnus Enzensberger. Und am Ende: Jede Menge Adressen, von Grünen, Arbeitslosen Hilfe bis zu "Wissenschaftsläden" (Junius Verlag, Hamburg; 240 S , 10 DM) Der pechrabenschwarze Anarcho Kalender. In Wort und Bild geht es hier der Vernunft, wie sie ein Kalender immer wieder, jeden Monat neu von eins bis dreißig (oder einunddreißig) fordert, kräftig an die Wurzeln "Wäre man doch vor dem Menschen geboren!" - darf der böse Melancholiker E. M. Cioran schon am 5. Januar seufzen. Die deutsche Einheit kommentiert ein Motzki aus den alten Ländern. Nach einer Leipzig Reise befragt, worin sich Türken und Sachsen unterscheiden, antwortet er: "Der Türke kann Deutsch und hat Arbeit Das Kalender Taschen Buch für die trostlosen Tage des "Super Wahl" Jahres, das uns droht. (Karin Kramer Verlag, Berlin; 288 S, 13 80 DM) Bad Women 94. Es ist gar nicht so leicht, sich zur "Schlampe" des Jahres 1994 zu stilisieren, aber das kleine Buch bleibt immer anregend und lehrreich, etwa mit solch kleinen Notizen: "1926 Eine Frau, die abtreibt, muß nicht mehr mit Zuchthaus, sondern nur noch mit Gefängnis rechnen. 1926 werden über 5000 Frauen verurteilt (Herausgeberin: Baerbel Becker; Elefanten Press, Berlin; 240 S, Abb, 9 90 DM) Indianer. Für diese armen, fast schon vernichteten Stämme gibt es einen eigenen Taschenkalender in Deutschland? Fast ein Fünftel des gut gemachten Taschenbuches bringt Informationen, Reportagen, Adressen und Anregungen zu weiterer Lektüre. Wieviel Information wir in Europa noch brauchen, erfährt man durch eine Notiz zum Weihnachtstag. Vor einem Jahr hat die Zeitschrift Natur Papst Johannes Paul II den "Hammer des Monats" für diesen GAU (Größter Anzunehmender Unfug) verliehen: Der Oberhirt hatte, die von Missionaren geschlachteten Indios vergessend, behauptet, die Kirche habe "von Anfang an für Schutz und Rechte der Indianer" gefochten und gefordert, die Welt solle "Gott danken für 500 Jahre Evangelisierung in Amerika" (Herausgegeben von Volkhard Brandes und Marie Luise Baumhauer; Lamuv Verlag Göttingen; 256 S , 9 80 DM) Rolf Michaelis