Enie Geschichte aus der Schweiz: Salim spielt Fußball. Sein Erzfeind Bernie schimpft ihn "Zulukaffer", Grund genug für eine Prügelei. Tun kommt zu Hufe, Salims bester Freund. Er klärt die Fronten und erteilt Bernie eine rhetorische Lektion: "Das Ausland ist nämlich fast überall, wo die Schweizer hinfahren oder herkommen! So klein ist die Schweiz auf der Weltkarte, wie dein Hirn unter der Lupe: ein Fliegendreck Salim geht nach Hause und stolpert - ausgerechnet über ein Mädchen mit dunklen Augen und Kopftuch. Auch das noch!

Bücher über Ausländer- und Fremdenhaß sind eine heikle Sache. Entweder sie ersticken an ihrer guten Absicht, drücken auf Tränendrüsen, drohen mit Moral oder schwingen gleich die Oh wieschrecklich Keule. Wer will das schon lesen? Und jetzt kommt ein Schweizer und schreibt das Buch zu dem Thema, beziehungsweise das Büchlein, denn Hansjörg Betschart beschränkt sich in "Soheila oder Ein Himmel aus Glas" auf ganze 89 Seiten und spricht damit Bände.

Salims Eltern - arabischer Herkunft, jetzt aber eingebürgerte, angepaßte, ordentliche Schweizer drängen ihn, dem Mädchen mit den großen Augen und dem Kopftuch zu helfen, sich ihrer anzunehmen, mit ihr zu spielen. Er ist sauer, leidet an der altersüblichen Abneigung eines Zwölfjährigen gegen Mädchen und an einer gehörigen Portion Scham: Was denken denn die Freunde? Was soll man mit einem Mädchen spielen? Doch er geht, besucht zwangsweise Soheila, nimmt seinen Modell Ferrari F 40 Zwölfzylinder mit, später seine Ratte Schlurfi und stellt fest, Soheila reagiert wider alle Erwartungen. Dieses schweigsame traurige Mädchen, das ein traumatisches Kriegserlebnis hinter sich hat und mit der Mutter fliehen mußte, dieses Mädchen kann wunderschön kichern und lachen. Nein, man muß sich eigentlich nicht für sie schämen.

Das großartige an dieser Kleinstgeschichte mit Minimalplot ist seine Machart. Hansjörg Betschart leitete vier Jahre das Basler Jugendtheater und arbeitete danach als Theaterregisseur in Deutschland, der Schweiz, Schweden und Kirgisien, man merkt es "Soheila" an. In winzigen Szenen, manchmal gar Dramoletten, blendet er voraus, läßt den Vorhang fallen, wenn die Pointe präzise gesetzt, zieht ihn hoch, wenn der komplementäre Schauplatz fällig ist. Bisweilen werden Klischees überspitzt, bis sie in ihrer Absurdität ins Auge stechen. Betschart schreibt knappste prägnante Sätze, da findet sich nichts Überflüssiges. Er hält seine Figuren durch: Soheila bleibt scheu und still. Salim bewahrt sich seine Vorbehalte: "Sie sieht aus wie an der Fasnacht "

Eine Geschichte aus der Schweiz - Soheilas Asylantrag wird abgelehnt. Eine Geschichte, die überall spielt. Zum Glück bleibt sie so unbeschwert traurig, da der Autor die Balance zwischen Witz und Ernst, Satire und Leben, Trauer und Glück hält. Und er muß nicht kommentieren, wenn die Realität selbst spricht:

"Das Volk", sagt mein Vater, "das Volk ist in jedem Land das Volk und wird beherrscht. Aber bei den Schweizern ist das anders. Da sind alle Schweizer das Volk und herrschen. Weil das Volk der Herrscher ist und das Volk den Herrscher wählt, wählt der Herrscher sich selbst, und es gibt kein Volk mehr. Verstehst du?"

"Nein "