Von Wolfgang Zank

Seydou Madiene gehört zu dem nordafrikanischen Volk der Tuareg. Der hochgewachsene Mann mit Augenklappe und Vollbart ist lange Touren gewohnt, doch diese Reise fällt aus dem Rahmen: Mit seinen Kamelen machten sich ein Kollege und er auf nach Brüssel, um am 2. Dezember bei der Tagung der europäischen Entwicklungshilfeminister eine Petition zu überbringen. Verschiedene Hilfsorganisationen, darunter die Deutsche Welthungerhilfe, organisieren diese Aktion. Nach vielen Traktor-Demonstrationen von Landwirten der Europäischen Union (EU) ist es nun einmal Zeit für eine Kamel-Demonstration.

Madiene kommt aus Burkina Faso, einem bitterarmen Land am Südrand der Sahara, der sogenannten Sahelzone. Er ist der Vorsitzende der regionalen Viehzüchtervereinigung und weiß, wovon er spricht: "Mit der einen Hand unterstützen uns die Europäer – wofür wir dankbar sind aber mit der anderen Hand vernichten sie uns." Die EU subventioniert seit Jahren billige Fleischexporte in die westafrikanischen Küstenländer. Sie zerstört damit die traditionellen Absatzmärkte der Sahelviehzüchter. Gleichzeitig zerschlägt die EU auf diese Weise die Grundlage vieler Entwicklungshilfe-Projekte, mit denen just die örtliche Viehzucht gestärkt werden sollte.

Gorom Gorom liegt im Nordosten von Burkina Faso. Am wöchentlichen Markttag kommen hochgewachsene, in lange Gewänder gehüllte Gestalten aus der flimmernden Hitze. Es sind vor allem Peulh- und Tuareg-Nomaden, die kleine Gruppen von langhörnigen Zebu-Rindern heranführen. Aber von dem noch einige Jahre früher üblichen Trubel ist kaum mehr etwas zu merken. Die kleinen Tiergruppen drängen sich in den Ecken des großen Marktareals und machen einen verlorenen Eindruck. "Vor fünf Jahren konnte man hier 1000 Tiere sehen, von denen rund 800 verkauft wurden", erklärt Abdoula Julbalo. Er ist der Vizepräsident der lokalen Viehzüchtervereinigung. "Heute kamen nur 330 Tiere, von denen vielleicht 200 verkauft werden."

Amadou Abdoulaye von den Songhai, einem traditionsreichen Volk der Sudan-Neger, legte vierzig Kilometer zurück, um den Markt zu erreichen. Er kam mit fünfundzwanzig Tieren, fünf konnte er verkaufen. Amadou Abdoulaye muß vierzehn Menschen versorgen, darunter die Frauen von Brüdern, die in die westafrikanischen Küstenländer gezogen sind, um dort Arbeit zu finden. Für einen fünf Jahre alten Stier bekam er 47 500 westafrikanische Franc, umgerechnet 280 Mark. "Das ist ein fürchterlicher Preis, aber ich mußte verkaufen, um Hirse besorgen zu können, um meine Familie und die anderen Tiere bis zum Regen am Leben zu halten. Vor fünf Jahren hätte ich für dasselbe Tier noch 65 000 bekommen. Die Preise fallen und fallen."

Eigeninitiative, um an Käufer heranzukommen, scheint nichts zu nützen. Seydou Madiene, der sich nun auf den Weg nach Brüssel machte, berichtet, wie seine Vereinigung 1990 die Tiere nach Ouagadougou verfrachtete, der Hauptstadt Burkina Fasos. "Wir hatten kein Glück. Wir brachten sie dann den ganzen Weg herunter an die Elfenbeinküste. Wir warteten dort mehrere Tage. Wir mußten schließlich zu jedem Preis verkaufen: 60 000 bis 70 000 das Stück. Nach all den Gebühren und Transportkosten war das kein guter Handel."

Den Viehzüchtern in den anderen Sahelländern wie Mali oder Niger geht es ähnlich. Dort stirbt gegenwärtig eine traditionsreiche Lebens- und Wirtschaftsform. Seit Jahrzehnten liefern diese Gegenden Fleisch in die westafrikanischen Küstenländer, vom Senegal über die Elfenbeinküste bis hin nach Kamerun. In den dortigen tropischen Feuchtgebieten war wegen der Rinderpest und der Krankheiten verbreitenden Tsetsefliege Viehzucht kaum möglich. Noch Anfang der achtziger Jahre exportierten die Sahelländer etwa 700 000 Rinder in die Küstenländer.