45 Jahre alt, Berliner Weihnachtsmann

Heute ging’s zeitiger als sonst raus – in aller Herrgottsfrühe ist bei den Fernsehleuten der Deutschen Welle Bescherung angesagt. Bis zu Heiligabend sind es zwar noch ein paar Tage, aber als Weihnachtsmann hab’ ich schon seit Wochen zu tun. Die Uhr zeigt halb fünf: In zwei Stunden kommt das Taxi. Also los: Waschen, Rasieren, Schminken, den roten Mantel übergestülpt. Bis vor fünf Jahren paßte mir noch der Mantel, den mein Großvater in den zwanziger Jahren getragen hat. Leider kriege ich jetzt die Schöße nicht mehr zu, und deshalb ist das gute Stück nun eingemottet. Das Schwierigste: Vorsichtig streife ich die Maske mit dem wallenden Kunstbart über. Schnell die Locken übergekämmt, den Gürtel mit den Plüschtieren umgeschnallt und raus.

Zu meinen Auftritten fahr’ ich immer mit dem Auto. Das ist sicherer als mit der U-Bahn. Dort werd’ ich öfter mal angepöbelt, neulich wollte man mir sogar die Tasche mit den Geschenken klauen. Auf dem Alex in Ostberlin haben im vorigen Jahr Skinheads einen Weihnachtsmann mit Baseballschlägern verprügelt.

Beim Sender geht’s schnell: Eine Feier im kleinen Kreis. Danach hält mir einer ein Mikro hin. Vor laufender Kamera antworte ich auf Fragen, die schon tausendmal gestellt wurden. Wie lange und weshalb ich das alles tue, ohne auch nur einen Pfennig... Ich nutze die Gelegenheit, um Spenden zu erbitten: Das ganze Jahr über sammle ich kaputtes Spielzeug. Aus zwei defekten Autos mache ich ein funktionstüchtiges, renke Puppen neue Arme und Beine wieder ein, um sie dann auf der Straße zu verschenken. Bis gestern mußte ich betteln gehen, damit ich heute nicht mit leerem Sack dastehe.

Inzwischen ist es zehn Uhr. Ich fahre in die Müllerstraße im Wedding. Dort, in der quirligen Einkaufsstraße, vor dem Karstadt-Kaufhaus, ist mein Lieblingsplatz. Mit fast zwei Zentner Bonbons, die ich mir wie verabredet von der Süßwarenabteilung abgeholt habe, kann’s losgehen, nachdem ich einen kräftigen Schluck Glühwein genommen habe. So schön der Schnee zur Weihnachtszeit paßt – zwei, drei Stunden an der Winterluft, das spüre ich in den Knochen.

Kaum, daß ich mich in Positur gerückt habe, umringen mich zwanzig, dreißig Knirpse. Der Weihnachtsmann ist da, begrüßen sie mich aufgekratzt aus voller Kehle. Mit vollen Händen verteile ich das Naschwerk. Ich hab’ auch Wunschzettel mitgebracht. Die können die Kinder ausfüllen und mir wiedergeben. Die schönsten Zettel werden prämiert – mit einem Plüschtier. Ein paar Zettel nehm’ ich mit und schicke sie den Eltern der Kinder. Manche Mütter zerren ihre Sprößlinge schnell an mir vorbei. Ich ahne, was sie denken: Wer gibt schon was freiwillig? In einem Seniorenheim durfte ich in diesem Jahr nicht auftreten, weil die Leitung des Hauses einen raffinierten Erbschleicher in mir vermutete...

Was sollen die trüben Gedanken. Hier vor dem Kaufhaus vergeht die Zeit im Flug. "Eh, Alter, wo hastn deine Rute?" fragt mich ein Punk mit grünen Haaren. Ja, die nehm’ ich nicht mehr mit, seit wir auf dem Welt-Weihnachtsmanntreffen in Bersenbrück in Niedersachsen beschlossen haben, die Ruten künftig zu Hause zu lassen. In einer Welt, in der Kinder von ihren Eltern geschlagen werden, wollen wir Weihnachtsmänner auf die einschüchternde Rute verzichten.