Fast zwanzig Jahre brauchte die IG Metall, um in ihrer Branche die 35 Stunden Woche durchzusetzen: 1977 stellte die größte deutsche Industriegewerkschaft erstmals diese Forderung auf, 1995 soll es endlich, nach zähen Verhandlungen und langen Streiks, soweit sein. Gerade mal vier Wochen und einige nächtliche Marathonsitzungen benötigten hingegen die Tarifexperten von Volkswagen und der IGM, urn bei Europas größtem Autobauer einen viel radikaleren Schnitt auszuhandeln. Ab 1. Januar arbeiten die gut 100000 westdeutschen VW Beschäftigten, zunächst für die kommenden zwei Jahre, an vier Tagen nur noch 28 8 Stunden pro Woche - und nehmen dafür einen schmerzhaften Lohnverzicht in Kauf.

Volkswagens Modell der Vier Tage Woche, obwohl aus der Not geboren, kann sich sehen lassen. Der Autokonzern, der in diesem Jahr einen Verlust von zwei Milliarden Mark einfahren wird, senkt dadurch seine Personalkosten um jährlich rund 1 8 Milliarden Mark, was annähernd einer Einsparung proportional zur Arbeitszeitverkürzung um zwanzig Prozent entspricht. Die Werktätigen müssen zwar auf gut zehn Prozent ihres Jahreseinkommens verzichten, dank eines raffinierten Modells (siehe Kasten) ändert sich ihr Monatseinkommen jedoch nicht, und 30 000 Kollegen bleibt, so garantiert es VW, die Arbeitslosigkeit erspart zumindest vorerst. Den zwischenzeitlich diskutierten Griff in die Kassen der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, die nach dem fragwürdigen Konzept vieler Gewerkschafter und Politiker für einen Teil des Lohnverzichts einspringen sollte, versagten sich die Wolfsburger. Auch die vielfach geäußerte Kritik, mit der Vier Tage Woche weiche Volkswagen einer längst überfälligen durchgreifenden Rationalisierung aus, ist so nicht berechtigt. Denn zwei Drittel der nach dem alten Arbeitszeitmodell überflüssigen 30000 Jobs wären eben dieser Rationalisierung zum Opfer gefallen. Die Vier Tage Woche verhindert also nicht unbedingt radikale Produktivitätssteigerungen, sie mildert vielmehr ihre sozialen Folgen. Hier liegt freilich auch die grundsätzliche Schwäche des VWModells: Kann Volkswagen seinen Autoabsatz nicht drastisch steigern, stehen diese Arbeitsplätze nach Ablauf des Vertrages erneut zur Disposition. Doch immerhin: Belegschaft und Konzernleitung gewinnen zwei kostbare Jahre, um über neue Konzepte nachzudenken.

Der Vertrag von Wolfsburg bringt frischen Wind in die lange Zeit zähe wirtschaftspolitische Debatte. Unter dem Druck der Krise und angesichts rasant steigender Arbeitslosenzahlen, die das in den achtziger Jahren weitgehend verdrängte Problem der Beschäftigungslosigkeit zum wirtschafts- und sozialpolitischen Thema Nummer eins machen, brechen alte Tabus zusammen, werden vertraute Fronten durcheinandergewirbelt. Arbeitszeitverkürzungen ohne vollen Lohnausgleich waren, zumindest offiziell, für die Gewerkschaften bisher kein Thema. Weniger zu arbeiten, um Beschäftigung zu sichern - das galt wiederum den meisten Arbeitgebern als kardinaler Denkfehler. Plötzlich ist vieles anders. Zustimmung erhielten die Wolfsburger selbst vom Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände, und Kritiker des VW Modells sitzen auch in den Gewerkschaften. Und mit der Ruhrkohle AG steht schon der nächste Kandidat für die Einführung der Vier Tage Woche bereit.

Allerorten wird über neue Arbeitszeitmodelle nachgedacht. Betriebe, die längst, meist im stillen, die ausgetretenen Pfade starrer Beschäftigungszeiten verlassen haben, wie etwa Mövenpick oder der Waagenhersteller Mettler Toledo (siehe ZEIT Nr. 3893), werden unversehens von Journalisten belagert "Die VW Geschichte hat enorm viel in den Köpfen freigesetzt", meint Reinhard Bispinck, Tarifexperte beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des DGB (WSI). Zwar geißelte Anfang der Woche der DGB den Entwurf der Bundesregierung für eine neue Arbeitszeitordnung als "Dokument der sozialen Kälte". Norbert Blüm, der zuständige Bundesminister, will unter anderem die zulässige tägliche Arbeitszeit, zumindest an sechzig Tagen im Jahr, auf zehn Stunden erhöhen und zugleich die Bestimmungen über die Wochenendarbeit deregulieren. Längere Maschinenlaufzeiten sollen so die Produktivität der Unternehmen verbessern. Offiziell sehen die Gewerkschaften in derlei Liberalisierung einen Rückfall ins vergangene Jahrhun