Die Politiker sprechen viel von den Sorgen um die Landsleute im "nahen Ausland"

Von Christian Schmidt-HäuerMoskau

Wahlkampftaktik des Jelzin-Lagers oder Wende zurück zum Reich des Bösen? Moskau droht neuerlich seinen Nachbarn. Allen voran zeigt Außenminister Andrej Kosyijew Balten, Armeniern, Ukrainern oder auch dem ganzen "nahen Ausland" – den GUS-Staaten – die Faust.

Der Berufsdiplomat, der Amerikanern wie Europäern bisher als Garant der Westintegration Rußlands galt und der für die russischen Nationalisten der "Staatsfeind Nummer zwei" hinter Jelzin war, trommelt plötzlich: "Wir werden die russische Bevölkerung und die Interessen Rußlands mit aller Härte schützen, wo immer es erforderlich ist und selbst wenn es unsere Freunde betrifft." Rußlands bisher loyalsten Freund in Mittelasien, den kasachischen Präsidenten Nasarbajew, erinnerte das "an die Zeiten Hitlers, der seine Expansion mit dem Schutz der Sudetendeutschen begann". Was sind die wirklichen Gründe für Moskaus Warnsignale?

1. Die aktuellen Motive des Wahlkampfs: Andrej Kosyrjew kandidiert für den jelzintreuen Block "Rußlands Wahl". Genauso wie dessen "Parteichef" Jegor Gajdar seinen Manchester-Liberalismus plötzlich sozial drapiert und sich für wirtschaftlichen Protektionismus stark macht, stellt Kosyijew den politischen Protektionismus der Russen im "nahen Ausland" heraus. Er zieht damit die Konsequenz daraus, daß fast jeder Stimmbürger Verwandte unter den 25 Millionen Russen in den GUS-Staaten hat. Diese Hinterbliebenen der historischen Wende klagen über Diskriminierung und "Dekolonisierung" als Revanche.

Alle Parteien haben diese Russen zum Thema gemacht. Wenn die Kommunisten, die das "sowjetische Imperium" wieder errichten wollen, und die Nationalisten, die ein neues "russisches Reich" anstreben (ihr Führer Shirinowskij spricht von den "zeitweilig verlorenen Territorien" und künftigen "Gouvernements"), im Parlament die Mehrheit bilden sollten – dann wären die Russen im "nahen Ausland" kein "Thema" mehr. Dann wären sie die Waffe der Opposition gegen Jelzin.

2. Die wirtschaftspolitischen Motive: Die große Wut des Nursultan Nasarbajew galt weniger Andrej Kosyrjew als vielmehr der russischen Währungspolitik: "Nachdem sie die Rubelzone zerstört haben, lassen sie populistische Wahlmanöver folgen." Für den kasachischen Präsidenten, der seinen explosiven Vielvölkerstaat in eine Verteidigungs- und Währungsgemeinschaft der GUS einzubetten gehofft hatte, war die Rubelzone ein Instrument ethnischer Politik gewesen. Sie sollte die großen russischen, ukrainischen und deutschen Bevölkerungsgruppen – die unentbehrlichen europäischen Fachkräfte – einbinden helfen.