POTSDAM. – "Früher im Sozialismus haben die Leute wenigstens noch geschimpft; nun schimpfen sie nicht einmal mehr." So kommentiert Hans Günter Schoppe, stellvertretender Bürgermeister von Petersdorf, die Lage. Für die Gemeindevertretung will er nicht mehr kandidieren. Und andere wollen es auch nicht. Am Vorabend der Kommunalwahlen in Brandenburg sind solche resignativen Sätze überall zu hören. Stell dir vor, es ist Wahl, und keiner will gewählt werden. Seit Wochen pinseln die überregionalen Zeitungen und jetzt auch der Spiegel an diesem Panorama des Ernstfalls. Die hysterische Tonlage der Landespolitiker bestätigt die düstere Vision: Das Volk verweigert sich dem Herzstück der Demokratie, der kommunalen Selbstverwaltung.

"Ich habe große Angst." Das sagt Regine Hildebrandt nach einer Wahlkampfveranstaltung im Stadtclubhaus von Henningsdorf. Ein SFB-Reporter hatte sie nach dem Wahlverhalten am 5. Dezember gefragt. Ihre Wähler, die voller Rührung und Sorge ihre Jeanne d’Arc der sozialen Gerechtigkeit umlagern, nicken dazu. "Mit NichtWählern kann man keinen Staat machen", beschwört der Ministerpräsident Manfred Stolpe seine Brandenburger. Wichtig ist, daß überhaupt gewählt wird: Das ist der oberste Programmpunkt aller Parteien bis hin zur PDS. Auch über die Gründe für den Demokratiepessimismus gibt es im Lande nur Konsens, nicht nur unter den Parteien, sondern zwischen Politikern und Wählern: die Politikverdrossenheit, die Arbeitslosigkeit, das Prinzip Rückgabe vor Entschädigung. Und, und, und.

Dennoch spricht der stellvertretende SPD-Vorsitzende Wolfgang Thierse voller Sorge von einer "richtungsweisenden Signalwirkung" für das Superwahljahr 1994. Um die Leute für den Urnengang zu mobilisieren, hatten alle Parteien die symbolische Bedeutung der Kommunalwahl ganz hoch gehängt. Zu hoch, wie es scheint. In den Landesgeschäftsstellen flüstert nun das Prinzip Hoffnung nur noch von einer Wahlbeteiligung "etwa um die fünfzig Prozent". SPD und CDU erwarten Einbußen. Für die FDP geht es ums Überleben. Nur der PDS werden Gewinne zugetraut. Der SPD-Landesverband gibt neidvoll zu, daß sie zur Lobby der Ostdeutschen geworden ist. Und nach Rechtfertigungen für das Scheitern wird schon prophylaktisch gesucht. Manfred Stolpe verweist auf die Raffkes in Sachsen-Anhalt: "Die Ereignisse in Magdeburg treffen uns alle."

Das Bild ist fixiert. Aber bei genauerer Hinsicht fängt es an zu verschwimmen, selbst im Falle des negativen Beispiels Petersdorf. Hans Günter Schoppe hat von dem resignativen Verstummen der Leute in seinem Dorf mit 445 Einwohnern eher beiläufig, formelhaft gesprochen, wie man eben heutzutage von der Politikverdrossenheit spricht. Er zeigte gerade voller Stolz einen Berg Photos, die Produkte seiner Firma. Traghilfen, Hebezeuge.

Er ist Geschäftsführer und Mitbesitzer der Stama GmbH, eines Metallbetriebes mit vierzehn Arbeitern und zehn Lehrlingen, mit guter Auftragslage und Geschäftsbeziehungen bis nach Spanien. Er selbst hat sich für eine Million Mark verschuldet, um den Betrieb von der Treuhand zu kaufen.

Während er die politische Apathie der Bevölkerung beschwört, funkeln die Augen vor Tatendrang. Der vierschrötige Mann entspricht ziemlich exakt der vierten Kategorie in Monika Marons Ost-West-Typologie. Er ist G.O., der "gelehrige Ostmensch", für den "die neue Zeit fast zu spät gekommen" wäre. "Ich komme sehr gut zurecht", sagt er. "Was fehlt, ist die Zeit." Für ihn gilt: "Nur etwas vernünftig oder gar nicht machen." Deswegen hat er nicht mehr kandidiert. Drei Termine in der Woche, Gemeinderat, Amtsausschuß und Sprechstunde, das ist zuviel. Schließlich muß er auch noch die Abrechnungen für den neugegründeten Friseurbetrieb seiner Frau machen. Alle bisherigen Gemeindevertreter betreiben inzwischen Gewerbe: der Malermeister ein Bistro, eine Frau arbeitet in der Fürstenwalder Arztpraxis ihres Mannes. Die bisherige Bürgermeisterin Brigitte Lyhs hat zwei Photo-Quelle-Läden ("ich bin Franchising-Partner") in Bad Saarow und Fürstenwalde.

Auch Brigitte Lyhs scheidet mit Bedauern von der kommunalen Selbstverwaltung. Aber auch sie will keine "halben Sachen machen". Sie klagt über die Leute, die sie durch ihre Arbeit nach 1990 "verwöhnt" habe. Nie sei jemand zu Gemeinderatssitzungen erschienen, "aber der Dorfklatsch wußte natürlich alles besser". Als sie 1992 – nach der Ämterbildung – nur noch ehrenamtlich tätig sein konnte und es eben nur noch einmal in der Woche eine Sprechstunde gab, war es für die Leute ein Schock. Gewissermaßen der zweite Schock nach der Marktwirtschaft: die Rationalisierung der Dienstleistungen und der öffentlichen Verwaltung. Die älteste Bürgerin von Petersdorf, Charlotte Wolgast, 92, hat es auf die Formel gebracht: "Erst ging die Post, dann der Konsum und jetzt der Bürgermeister."