Irgendwas haben wir verschlafen. Alle reden von Beckett, aber wer kennt Aleksandr Vvedenskij? Von Oswald Spengler ist noch immer die Rede, aber wer spricht über Ladislav Klima? Eine unhaltbare Vermutung sagt uns: Im Osten wird seit langem die mit Abstand reichste, lebendigste und originellste Literatur geschrieben. Nur kennen wir sie kaum. Das sonderbare gigantische Opus von Peter Nádas haben wir vielleicht inzwischen gelesen, ein paar der neuen Namen bekommen wir auch noch zusammen: László Krasznahorkai aus Budapest, Ivan Klima aus Prag, Vladimir Sorokin aus Moskau ... und dann sind wir auch bald am Ende.

In dieser Beilage stellen wir ausschließlich Autoren aus Osteuropa vor, lebende und tote, die endlich wieder und die ganz neu übersetzten, die ganz großen und die ganz unbekannten, die ewig vergessenen und die zu Recht gefeierten. Der Vorhang ist hochgegangen, und die Frage, die Peter Hamm hier stellt, ob wir einen tschechisch schreibenden Kafka je erkannt hätten, ist beunruhigender als die nach dem Weh und Ach der deutschen Gegenwartsliteratur.

Gemeinsamkeiten gibt es nur, wenn man nicht richtig hinsieht. Dennoch weht in der osteuropäischen Literaur im Augenblick ein heftiger Wind, der mit dem gepflegten Nachleben der Moderne im Westen, Gott hab sie selig, nichts zu tun hat. Der Philosoph Boris Groys hat für die anarchischen, illusionslosen Bücher der jungen russischen Dichter in seiner Studie "Gesamtkunstwerk Stalin" den Begriff "Postutopismus" geprägt. Nach dem Scheitern aller außerästhetischen Utopien, am Nullpunkt der sozialistischen Wirklichkeit, bauen sie sich ihren Sozialismus selber, erfinden in ihren verwunschenen Büchern alles, was sie zum Glück und zum Unglück brauchen, "den Text und den Kontext, den Mythos und seine Kritik, die Utopie und ihre Niederlage, die Geschichte und den Austritt aus ihr". Und das ist eigentlich alles, wie Daniil Charms jetzt sagen würde. Iris Radisch