POTSDAM. – Durch Sanssouci schlurfen wie eh und je die Touristen in Filzlatschen, im Schloß Cecilienhof lassen sie sich den Stuhl zeigen, auf dem Stalin bei der Potsdamer Konferenz gesessen hat. Sie besichtigen das Holländerviertel, die böhmischen Weberhäuschen und die Russische Kolonie, steinerne Zeugen früherer Einwanderungspolitik. Doch neben den altehrwürdigen Touristenattraktionen wächst das Neue. Wer durch die Brandenburger Straße, Potsdams Fußgängerzone, schlendert, sieht, daß in die zweigeschossigen Häuser (deren Dachstübchen der preußische König einst mit seinen Soldaten belegte) inzwischen Banken eingezogen sind, Modesalons mit gläserner Front, Ladenketten, gegen die kleine Geschäfte sich nur schwer behaupten können. Neben Imbißbuden mit Döner Kebab werben Wahlplakate.

Am 5. Dezember ist Kommunalwahl in Brandenburg. 105 000 Potsdamer sollen wählen zwischen neun Parteien, landesweit sind es dreizehn. Die Deutsche Liga für Volk und Heimat und die Republikaner zum Beispiel treten in Potsdam nicht an. Doch frei von rechtsradikalen Umtrieben ist die Stadt nicht. Erst neulich wurde ein Brandsatz ans Fenster eines Asylbewerberheims geworfen, hinter dem eine neunköpfige Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien schlief.

Neben einer Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär werben örtliche Verbände wie der Bürgerverein Bornim 90 um Stimmen. Auch die der Hausbesetzerszene nahestehenden Kreuzberger Patriotischen Demokraten/Realistisches Zentrum kleben Plakate. Viele leerstehende, heruntergekommene Häuser in Potsdam sind besetzt.

Besucher sehen es zum Beispiel den Bauten in der Brandenburger Straße nicht an: Bei den meisten ist unklar, wem sie gehören. Ob in der Innenstadt oder im Villenvorort – überall verzögern ungeklärte Restitutionsansprüche Westdeutscher die Renovierung alter Pracht. Einige wenige aufwendig herausgeputzte Häuser stehen neben noch völlig verfallenen. Oberbürgermeister Horst Grämlich, der wieder für die SPD kandidiert, weiß, daß jene leidigen Rückgabeansprüche seinen Thron wackeln lassen. Vor allem dieses schwerste Handicap der Stadt macht den PDS-Kandidaten Rolf Kutzmutz zu seinem gefährlichsten Rivalen. Viele Potsdamer erhoffen sich von der PDS, der Nachfolgerin der SED, inzwischen mehr Hilfe als von der SPD. Andere sind sowieso parteienmüde, was sich das Neue Forum/Bürgerbündnis, mit Ute Platzeck als OB-Kandidatin, zunutze machen möchte: "Statt Parteien – Bürgerbewegung wählen". Horst Grämlich hält die Rückübertragung an Alteigentümer denn auch für "die schlimmste Entscheidung der Vereinigung. Wir schaden immer jemandem, egal wie wir entscheiden. Verliert der Alteigentümer, prozessiert er gegen uns. Gewinnt er, trifft es die, die hiergeblieben sind, und die, die Häuser instandgehalten haben."

Obwohl Landesmetropole, hat sich Potsdam die Beschaulichkeit einer Kleinstadt bewahrt. Keine Skyline, keine pulsierende Geschäftsmeile, Hochhäuser nur in Neubauvierteln an der Peripherie. In der Innenstadt haben die Häuser vier, allenfalls fünf Stockwerke. Die Straßen sind dem neuen Andrang aus Berlin und anderswo nicht gewachsen. Immerhin, Potsdams geringe Größe hat auch Vorteile. Alles in der Innenstadt ist bequem zu Fuß zu erreichen. Ein Konzept für eine autofreie Stadt liegt vor, auch eines, wie das Zentrum auf großen Tangenten zu umfahren wäre. Doch deren Bau würde Milliarden kosten – die Stadt hat kein Geld. Und die Landesregierung sperrt die Mittel.

Potsdam lebt im Schatten Berlins. OB Gramlich ist nicht erpicht auf die für 1999 geplante Fusion Berlin-Brandenburg, wohl weil er fürchtet, Potsdam könnte dabei untergebuttert werden. Seine Bürger haben zudem Angst, daß ihre Mieten noch höher klettern könnten. Die Gewerbemieten der Stadt liegen inzwischen weit über dem Durchschnitt anderer Ost-Städte. Das schreckt Investoren ab. Trotzdem hat Potsdam im Vergleich weniger Arbeitslose, weil viele ins nahe Berlin pendeln. Andere haben sich umgestellt. Defa-Mitarbeiter führen, anstatt Filme zu produzieren, in Kostümen Besucher durch Kulissen und Requisiten. Ein ehemaliger Defa-Produktionsleiter zeigt Touristen in Babelsbergs Villengegend das Haus, das Marika Rökk zurückverlangt, und jenes, in dem die spätere Frau Goebbels lebte.

Besucher scheint Potsdam genug zu haben. Für sie werden Hotels und Gaststätten gebaut und das Theater, für das nun endlich ein Standort gefunden ist. Doch Touristen sanieren keine Stadt. Universität, Fachschulen, die Filmhochschule, Medien, die sich auf dem Defa-Gelände ansiedeln, Verbände und Organisationen an der Peripherie der Stadt – all das ist dem OB wichtiger als die Touristen.

Die Bürger dagegen interessiert am meisten, was dem jeweiligen Kandidaten zu Arbeit und Wohnen einfällt. Fragt man sie, wem sie am 5. Dezember ihre Stimme geben, sagen viele, sie würden am liebsten gar nicht wählen: "Die CDU hat uns zuviel versprochen, die SPD kann uns auch nicht helfen, die PDS hat vierzig Jahre Mist gebaut, und die von der Bürgerbewegung sind zu schwach..." Die Wut der Lausitzer Kumpel, daß die Stadt sich für Gas und damit gegen ihre Braunkohle entschieden hat, der Rummel um die Tausendjahrfeier der Stadt verblassen gegenüber persönlichen Problemen. Horst Grämlich sieht die Tausendjahrfeier positiv: "Es wäre sonst nie soviel über die Stadt geschrieben worden, und Werbung ist wichtig." Was die Wahl angeht, gibt sich der amtierende OB optimistisch. "Wenn man den Bürgern und Bürgerinnen klarmachen kann, daß es in dieser Zeit der Politikverdrossenheit und Parteienmüdigkeit wichtig ist, zur Wahl zu gehen, dann haben wir gute Chancen." Marlies Menge