A ufmerksam zu machen ist auf ein Buch, das wollte. Warum soll man sich eine Lektüre zumuten, wo die Täter als Opfer daherkommen und jedes neue Kapitel darauf angelegt scheint, das vorhergehende an Geschmacklosigkeit zu übertreffen? So beklagt Dirk Bavendamm, daß die Amerikaner Deutschland aus der "Gemeinschaft der zivilisierten Völker" ausschlössen - die Rede ist wohlgemerkt von der Zeit, als "zivilisierte Deutsche" eine Blutspur quer durch Europa legten. In diesem Stil geht es weiter, und letztendlich versteigt sich der Autor zu der Metapher vom "Feuerofen schlimmster Prüfungen", in den Amerikas Präsident das deutsche Volk schicken wollte. Warum an solchen Stellen noch weiterlesen und jemandem seine Zeit widmen, der mit dem Holocaust rhetorischen Schindluder treibt? Ist dazu in den letzten Jahren nicht das Nötige gesagt worden? Ja und nein zugleich, denn Bavendamm gehört zu jenen Publizisten, die das Tafelsilber der Bonner Republik verhökern und den Streit um Deutschlands politische Zukunft radikal zuspitzen möchten.

Im. Mittelpunkt steht Franklin Delano Roosevelt, Präsident der Vereinigten Staaten von 1933 bis 1945. Ein Politiker, der gemeinhin als Friedenspräsident gewürdigt wird, für Bavendamm aber nichts weiter als ein ordinärer Kriegstreiber ist. Roosevelt hätte, meint der Autor, zwischen 1939 und 1941 mit etwas gutem Willen zwischen den europäischen Kriegsparteien vermitteln und den Krieg binnen Wochen beenden können. Daß es statt dessen zum großen Blutvergießen kam, sei hauptsächlich Roosevelts Schuld. Denn dieser Präsident wollte, so lesen wir in allen sprachlichen Modulationen, die das Deutsche hergibt, den Krieg, um Amerikas Weg zur Supermacht abzukürzen. Hitler, darauf legt Bavendamm großen Wert, war noch gar nicht im Amt, als FDR diesen Kurs festlegte und Amerikas Ressourcen wider die Konkurrenz aus Deutschland und Japan mobilisierte. Auf 464 Seiten dreht sich alles darum, wie Roosevelt die Achsenmächte "strangulierte" und letztlich so weit "provozierte", bis ihnen nur noch der "aggressive Notausstieg aus tödlicher Umklammerung" blieb. Keine Farbe ist zu schrill, kein Pinselstrich zu dick, wenn Bavendamm beweisen will, daß es die USA waren, die den Status quo mutwillig aus den Angeln hoben und die Nazis wie eine Schar geostrategischer Klosterschüler aussehen ließen. Wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, muß, sollte man meinen, gute Karten haben. Sprich Dokumente, die Auskunft geben, wie denn der vielzitierte "Verhandlungsfrieden" hätte aussehen können und ob damit etwas anderes gemeint war als das "schöne neue Europa" nach Fasson der Nazis. Allein - Bavendamm hat keine neuen Quellen zur Hand, nicht eine einzige. In Deutschland hat er überhaupt nicht recherchiert und, ein flüchtiger Blick auf die Fußnoten genügt, in Washingtons National Archives allenfalls einen Vormittag lang. Hyde Park, wo Roosevelts Nachlaß liegt, kennt der Historiker Bavendamm nur vom Hörensagen. Macht nichts, heißt es dazu im Vorwort, der Forschung stehen viele andere Wege offen. Man kann ja auch vorhandenes Wissen gegen den Strich bürsten und mit etwas Geschick so sortieren, daß einem die Erkenntnis wie Schuppen von den Augen fällt. Stimmt, gegen eine solche kritische Inventur ist im Prinzip nichts einzuwenden. Blamiert steht freilich da, wer beim Mogeln erwischt wird. Bavendamms Bilanz geht nur auf, weil Hitler darin nicht auftaucht. Die Literatur über nationalsozialistische Kriegspolitik würdigt er keines Blikkes. Wenn die Strategie der Nazis überhaupt zur Sprache kommt, dann aus der Sicht Roosevelts. Da FDR aber als krankhafter Deutschenhasser vorgestellt wird, steht das Ergebnis von vornherein fest. Es ist immerfort die Rede vom "angeblich so kriegslüsternen Deutschland", von den "angeblichen Zielen der Nazis" und ihren "angeblichen Kriegsverbrechen". Am Ende will es so scheinen, als existierte Hitlers Mordmaschine nur im paranoiden Hirn des "gelähmten Mannes im Weißen Haus". Umgekehrt fällt es schwer, die Grenze zwischen Verständnis und Einverständnis abzustecken, wenn Bavendamm über die Perzeption "amerikanischer Drohpolitik" auf seilen der Nazis schreibt. Wird er auch noch die letzte Hürde nehmen und der deutschen Seite einen "gerechten Krieg" attestieren? Mehrmals schrammt er haarscharf an einer solchen Zuspitzung vorbei. So schreibt jemand, der nur ein Ziel vor Augen hat: Zu beweisen, daß - Hitler hin oder her - deutsche Politik im 20. Jahrhundert ganz normal war, nicht besser und schlechter als die anderer Großmächte auch, und daß sich das wiedervereinte Deutschland ob seiner Geschichte vor niemandem zu verstecken braucht.

Was Bavendamm über amerikanische Verhältnisse zu sagen hat, ist diesem Ziel untergeordnet und entsprechend manipuliert. Nehmen wir das Beispiel Kriegspläne. Natürlich brachten Stäbe des War Department seit den späten dreißiger Jahren diverse Szenarien zu Papier - die allseits bekannten "Rainbow" Dokumente. So etwas gehört zum Job der Militärs, egal, wie es um die Politik bestellt ist, aber natürlich erst recht in der Zeit eines Hitler. Zum Grundwissen des Historikers gehört, daß man solche Eventualpläne nicht zum Nennwert nehmen und der politischen Führung unbesehen einen "Willen zum Krieg" unterstellen darf. Bavendamm setzt sich darüber hinweg und zitiert genüßlich die operativen Seiten von "Rainbow". Aber warum nur diese und nicht die Präambeln? Etwa deshalb, weil dort festgehalten ist, daß US Truppen erst dann einen Schuß abfeuern werden, wenn die Nazis einen Krieg vom Zaun brechen sollten?

Soviel zur Arbeitsweise eines Publizisten, der seinen Kollegen ein um das andere Mal vorwirft, sie könnten ihre Quellen nicht lesen. Besonders pikant im Falle "Rainbow": FDR hat diese Planungen zu keinem Zeitpunkt förmlich autorisiert. Was freilich Bavendamm nicht weiter irritiert, sondern ihm nur beweist, wie gerissen dieser "Kriegstreiber" war. Eigentlich eine Frechheit, daß er sich- nie ertappen ließ und die Nachwelt vergeblich nach dem rauchenden Colt sucht. Aber die Wissenden lassen sich nicht täuschen: "Dagegen nehmen sich die beiden Weisungen für die Kriegführung, die der deutsche Führer im Mai und August 1939 für seine Kriegführung in Polen erließ, fast schon kläglich aus "

Nicht viel anders liest sich das Kapitel über den japanischen Angriff auf die amerikanische Pazifikflotte. Das "Rätsel von Pearl Harbor" zu lösen suggeriert das Buch. Erfahren wir nun endlich, ob Roosevelt den Angriff provozierte oder billigend in Kauf nahm? Offeriert der Autor einen neuen Blick auf ein altes Problem? Fehlanzeige. Bavendamm schreibt aus der ihm genehmen Sekundärliteratur zusammen, was ins Bild paßt. Und wo die Kausalkette bricht, Übergänge nicht mehr stimmen und Anschlüsse fehlen, kommen die Füllwörter zu ihrem Recht: "Anscheinend", "wohl", "wahrscheinlich", "offenbar", "kaum anders vorstellbar", "gewiß" und als einsamer Spitzenreiter "vielleicht". Eine Bitte an den Autor: Er möge doch erklären, was eine "gewisse Grundsatzentscheidung zum Krieg" ist. Fußnote genügt. Man kann das Buch drehen und wenden, wie man will, jedes beliebige Detail in Augenschein nehmen, es kommt immer wieder dasselbe heraus. Hier wird nicht Geschichte geschrieben, sondern an einer Ideologie gestrickt. Deren Botschaft: Der Tod ist ein Meister aus Amerika. Je näher die Erzählung dem Ende des Krieges rückt, desto verbissener argumentiert der Autor. Von Henry Morgenthau sagt er, er habe die "definitive und totale Auslöschung Deutschlands" im Sinn gehabt; dem Präsidenten unterstellt er ein "Armageddon Programm", das Streben nach einem "Friedhofs Frieden um jeden Preis". Blanker Haß führt die Feder, zumal an den Stellen, wo Bavendamm seine Unkenntnis kaschiert. Morgenthaus Tagebücher hat er nie zur Hand gehabt, er kennt weder die Vorgeschichte des vielgescholtenen Plans noch die Etappen seines Scheiterns. Wie sonst könnte er behaupten, Churchill habe in Quebec den Morgenthau Plan gekippt? Und um Roosevelt anzuschwärzen, ist ihm kein Trick zu billig. Daß der Präsident der Erschießung von 50 000 deutschen Offizieren das Wort geredet haben soll, ist eine Latrinenparole. Bavendamm kolportiert sie trotzdem.

Unmöglich, die Absurditäten dieses Buches hier alle beim Namen zu nennen. Nur eines sei noch erwähnt: Was Bavendamm über Roosevelt und die amerikanische Nuklearplanung zu sagen hat, ist so haarsträubend, daß auf jeden Halbsatz eine lange Replik nötig wäre. Aber es ist zwecklos, darüber mit ihm in einen Streit zu treten. Denn sein Anliegen ist es nicht, über den destruktiven Schub nachzudenken, den die Bombe zweifellos ausgelöst hat. Ihm geht es darum, deutsche Verbrechen bis zur Unkenntlichkeit zu relativieren und im Schatten der Bombe Auschwitz zu miniaturisieren. Wie nicht anders zu befürchten, erleben wir auch die Premiere eines "Nolte mortale": der Holocaust als amerikanische Tat, weil Hitler eben mit seinen Mitteln auf Roosevelts Vemichtungsdrohung reagierte. Ergo saßen die eigentlichen Kriegsverbrecher auch nicht in Berlin, sondern in Washington, ergo geht die "Ausrottungsmentalität" unseres Jahrhunderts vom liberalen Amerika aus, ergo muß die Totalitarismustheorie umgeschrieben werden: Stalins Partner heißt nicht Hitler, sondern Roosevelt.

So entpuppt sich "Roosevelts Krieg" am Ende als aggressive Abrechnung mit der Westbindung der Bundesrepublik und mit dem Liberalismus angelsächsischer Prägung. Wie Bavendamm im Vorwort entwickelt, werden die Deutschen erst dann zu sich selbst kommen, wenn sie den von den Siegern nach 1945 aufgenötigten "Sonderweg" in die westliche Allianz verlassen "Das Gesetz der Realgeschichte und Realpolitik gebietet uns die Annahme, daß es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu zunehmenden Konflikten zwischen dem wiedervereinigten Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika kommen wird, auch wenn Deutschland ein Teil des vereinten Europa sein wird. Vielleicht wird daraus - ich wage diesen Gedanken kaum niederzuschreiben - sogar einmal der Dritte Weltkrieg entstehen "Erkenne Deinen Gegner", so ließe sich daher das Motto dieses Buches zusammenfassen. Fragt sich nur, wie lange es noch dauern wird, bis sich ein Verleger findet, der vom "Feind Amerika" reden und schreiben läßt.

Verlag Herbig, MünchenBerlin 1993; 488 S , 68 - DM