Ein Nazi in Auschwitz. Behende streift er an den Lagerbaracken entlang, kauft eine Broschüre ("was zum Lachen für die Rückfahrt") und mischt sich, von einem Kamerateam verfolgt, unter die Besucher der Gedenkstätte. Die Kamera verliert ihn für kurze Zeit; dann, im Halbdunkel der Gaskammer, findet sie ihn wieder. Der Nazi hat zu reden begonnen. Um ihn herum stehen etwa dreißig Menschen: sein Publikum. Die Gaskammer, erklärt er, sei eine jüdische Fälschung. "Hier wurden niemals Menschen vergast." An den Wänden, sagt er, seien keine Reaktionsrückstände des Giftgases sichtbar; der Raum sei, wie das ganze Lager, eine Attrappe. "Wissen Sie denn überhaupt, wie Zyklon B funktioniert?"

Der Nazi, so scheint es, weiß es. Seine Zuhörer wissen es offensichtlich nicht. Einige haben sich abgewandt; andere verlassen den Raum. Jemand ruft: "Hören Sie doch auf!" Aber nur einer, ein junger Amerikaner, widerspricht. Draußen, im Licht des Sommertags, liefert er dem Nazi ein Wortgefecht. Dann räumt er das Feld, der Nazi triumphiert. Und einen langen, lähmenden Augenblick lang betrachtet die Kamera das verkrampfte Grinsen im Gesicht von Bela Ewald Althans, 27, der Hauptfigur von Winfried Bonengels Dokumentarfilm "Beruf Neonazi". Dann bricht die feixende Fratze zusammen, der Nazi stammelt eine Ausrede und geht ab.

Eine empörende Sequenz. Die Frage ist nur, worüber man sich mehr empören soll: über Althans’ obszönen Auftritt in der Gaskammer – oder über die (mehrheitlich deutsche) Besucherschar, die ihn schweigend gewähren läßt? Über die freche Selbstinszenierung des Nazis – oder über den Film, der dieses Treiben geduldig und kommentarlos dokumentiert?

Die Regierungen der Bundesländer Hessen und Mecklenburg-Vorpommern, die Bonengels Film zusammen mit Hamburg und Brandenburg aus Fördermitteln finanzierten, haben diese Fragen für sich beantwortet. Der hessische Landtag will den Vertrieb des Films verbieten. Die mecklenburgische Kulturministerin Steffie Schnoor appelliert an die Produzenten, "den Film in dieser unkommentierten Form zu unterlassen". Vielerorts werden jetzt die Kriterien der Filmförderung "neu überdacht".

Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hat sich in die Debatte über "Beruf Neonazi" eingeschaltet. "In diesem Film", erklärt der Zentralrat, "wird die Auschwitzlüge unwidersprochen verbreitet und der Nationalsozialismus verherrlicht sowie Nazipropaganda betrieben."

Das alles ist wahr. Und zugleich ist es falsch. Wer genau hinsieht, kann in Bonengels Film mehr über den alltäglichen Faschismus im neuen Deutschland erfahren als in vielen Fernsehdokumentationen. Wenn die Kamera Althans ins Wohnzimmer seiner Eltern begleitet, dann kommt hinter der narzißtischen Pose des "Herrenmenschen" die erbärmliche Wahrheit des verhaltensgestörten Kindes zum Vorschein. Schon immer, sagt Althans’ Mutter, habe er "um jeden Preis" auffallen wollen. Das ist ihm jetzt geglückt.

Bonengels Film wäre leichter gegen den Ruf nach Zensur und Verbot zu verteidigen, wenn der Regisseur von seiner Entdeckung des "intelligenten Nazis" nicht selber so berauscht wäre, daß er stellenweise jede dokumentarische Vorsicht vergißt. So entlarvt er zwar ein Klischee, aber auch sich selbst. Die naive Genugtuung, mit der er das Bild vom dummen, plumpen braunen Mob zurechtrückt, ist eben noch keine filmische Haltung. Die Perspektive des Films bleibt vage, und Althans ist eitel und clever genug, sich diese Vagheit immer wieder zunutze zu machen.

Jetzt rufen die öffentlich Empörten wie jedesmal nach dem distanzierenden, die Bilder entschärfenden Kommentar. Aber Kommentare haben noch keinen Demagogen zum Schweigen gebracht. Bonengels Film ist nicht die Ursache der deutschen Misere, sondern ihr Symptom. Wer das Bild der Wirklichkeit zensiert, statt es zu verändern, blendet nur sich selbst. Andreas Kilb