Von Gabriele Killert

Hermann Hesse meinte, die Welt sähe besser aus, wenn Dichter wie Robert Walser zu den "führenden Geistern" gehörten. Falls es Sinn hat, so zu spekulieren, dann ließe sich etwas Ähnliches auch über den mährischen Dichter Jan Skácel sagen: Wenn sein Patriotismus Schule machen würde, dann wäre der Patriotismus eine schöne völkerverbindende Sache.

Der Poet Jan Skácel ist nämlich, wie wir heute wissen, der Erfinder der mährischen Nationalhymne. Nur wenige Bewohner des Erdkreises kennen sie. "Die Hymne des lieblichen Landes Mähren (das kein Land ist), spielt nicht einmal die beste Kapelle auf der Welt. Sie kann es nicht. Die mährische Hymne ist nämlich – Stille. Ich sage es euch rundheraus. Die mährische Hymne ist eine Pause. Eine Pause zwischen ‚Wo ist meine Heimat‘ und ‚Über der Tatra blitzt es‘. Sie besteht aus absoluter Stille und die Stille ist eine sehr schöne und fruchtbare Sache."

Immer großzügig und sehr zugetan benahm sich die Stille auch gegenüber dem Lyriker Skácel, wie wir ihn zuletzt aus seinen späten Gedichten aus dem Nachlaß (erschienen im Residenz Verlag) und den früheren Lyrikbänden kennen. Nun überrascht uns der Wieser Verlag mit einer Sammlung kleiner Prosa des besonders die kleinen, "geringsten und noch um vieles geringeren Dinge" liebenden Dichters (dem Lektor Ludwig Hartinger sei’s gedankt, denn er hat sie ihm abverlangt). Nicht überrascht uns, daß der Karst-Wanderer Skäcel ein Patriot der Stille auch in der geselligeren Prosa ist.

Er schrieb diese Prosa-Miniaturen als "kleine Rezensionen" für die letzte Seite der Brünner Literaturzeitschrift Host do domu (Gast ins Haus), deren Herausgeber Skácel damals, in den sechziger Jahren, war, zur Zeit des Prager Frühlings, der auch ein mährischer war. Kleine "Rezensionen" also über die Wahrheit, über Kühe, über das Wasser, über die Angst, über den Blödsinn, über ein Rendezvous mit dem Teufel, über den Draht, über die Suche nach dem örtlichen Säufer ... und eben über die mährische Hymne. Die Stille-Hymne gibt den Ton an: sanftes, zeremonielles, lyrisches Parlando. Wovon kann ein Dichter wie Skácel plaudern? Über den Zauber der Kindheit, der frühen Verheißungen, die Nähe zwischen vertrauten Dingen, über sein Befremden angesichts des täglich Zugemuteten, der unaufhaltsamen Zerstörungen.

Das Kind liebt den grünen Sonntagmorgen mit den Glocken, die die Sonne ausgießen, liebt das Herumstreunen barfuß in der Abenddämmerung, wo man sich ein bißchen fürchten kann. Es wünscht sich eine Harfe, nicht, "um sie zu zupfen ..., sondern damit die Harfe schliefe". Dann einen goldenen Feuerwehrhelm. Später noch die schönste Frau auf der Welt.

Das Leben aber schenkt einem praktische Dinge: Stiefel und einen Muff. Und den Fortschritt mit Automaten und Kunststädten um Fabriken herum gebaut. Und geschenkt bekommt man noch, das heißt, ganz umsonst ist sie nicht: die Wehmut. "Aufrecht wie eine Zypresse" wächst sie heran, je realisierbarer die Träume, desto empfänglicher werden die Sinne für das Absurde werden.