Die sogenannte multikulturelle Gesellschaft steht vor einem äußerst heiklen Problem: Wie können unter den Voraussetzungen des Rechtsstaates kollektive Interessen berücksichtigt werden, ohne die Gebote der Gleichheit und Gerechtigkeit zu verletzen? Lassen sich die Maschen der Verfassung eng genug stricken, um auch die Ansprüche von Minderheiten aufzufangen, oder brauchen wir ein grobes (und um so kräftigeres) Netz, das ohne Rücksicht auf besondere Lebens- und Wertvorstellungen allen gemeinsam rechtlichen Halt bietet?

Diese Fragen stehen im Mittelpunkt eines Bandes, der die bisherige multikulturelle Diskussion um eine neue (und hochaktuelle) Dimension erweitert: die "Politik der Anerkennung". Seine Brisanz besteht weniger darin, konkrete Ratschläge zu liefern, als in intellektuelle Tiefen vorzustoßen, die bis dato geflissentlich vermieden worden waren. Im Herzstück des Buches, einem Paradestück essayistischer Brillanz, zeichnet der kanadische Sozialphilosoph Charles Taylor den Weg von der Entstehung authentischer Selbstbestimmung über die bürgerliche Gesellschaft als Basis gegenseitigen Respekts bis zur liberalen Demokratie nach, in der sich das Bewußtsein von individueller Würde mit einem universalistischen Rechtsbegriff verbindet, der auch heute noch die legitimatorische Basis des Verfassungsstaates bildet.

An diesem Punkt nun setzt Taylors Kritik ein: Die Vorstellung von individuellen, in der Verfassung verankerten Rechten, so der am Beispiel der Autonomiebestrebungen der kanadischen Provinz Quebec illustrierte Einwand, verstelle den Blick auf gemeinschaftliche Ziele und verhindere, daß kollektive Werte Eingang in politische Entscheidungen finden. Der "Rechte Liberalismus" bleibe "differenz blind", da er kulturelle Besonderkeiten nur nach individualrechtlichen Maßstäben bemesse. Taylors Forderung: Die auf formalen Gerechtigkeitskriterien beruhende "Politik des Universalismus" müsse durch eine auf konkreten Gemeinschaftswerten beruhende "Politik der Differenz" erweitert werden. Denn die Anerkennung anderer Kulturen könne weder abstrakt erzwungen noch aus bloßen Sympathiebezeugungen abgeleitet werden, sondern gründe auf einer besonderen Haltung: der "Annahme der Gleichwertigkeit" des Fremden und Unbekannten.

Gegen Taylors kommunitarische Kritik des Liberalismus, die von Amy Gutman, Steven Röckefeiler, Michael Walzer und Susan Wolf größtenteils zustimmend kommentiert wird, äußert Jürgen Habermas in seinem der deutschen Übersetzung hinzugefügten Beitrag tiefgreifende Bedenken. Seiner Ansicht nach übersieht Taylor, daß die Berücksichtigung kollektiver Interessen schon im rechtlichen Universalismus des modernen Verfassungsstaates angelegt sei. Taylors Forderung, Fragen der Gerechtigkeit durch Vorstellungen des guten Lebens zu erweitern, laufe auf ein Rechtsverständnis hinaus, das im Widerspruch zum Gebot moralischer Neutralität stehe. Der "Austausch mit Fremden und Fremden", so Habermas, darf nicht über eine "ethische Integration" vollzogen werden, sondern bedarf politischer Regelungen, die in einem recht verstandenen Verfassungspatriotismus eine gleichermaßen motivationale und rationale "Verwurzelung" besitzen. Im Umgang mit ethnischen Minderheiten und den nationalsozialistischen Kämpfen in Europa helfen keine diffusen Gemeinschaftsgefühle, sondern nur Normen der Gerechtigkeit, die Grundlage der (wie Habermas es nennt) "Koexistenz" multikultureller Gruppen bleiben müssen.

Woraus allerdings die gegenwärtigen Gesellschaften ihre "Kraft zur Selbsttransformation" schöpfen sollen, um so dringende Probleme wie Fremdenfeindlichkeit, Einwanderung, Asyl und soziale Gewalt zu bewältigen, darüber schweigt Habermas. Seine Verteidigung liberaler Gerechtigkeit bleibt im Angesicht anhaltender Konflikte eher ein Wunschbild als eine realistische Lösung. Für eine Politik der Anerkennung - und das illustriert der Band nachhaltig - spricht deshalb gerade ihr pragmatischer Charakter und ihr Sinn für kulturelle Differenzen. Denn, so Taylor, "der strenge prozedurale Liberalismus könnte sich in der Welt von morgen rasch als untauglich erweisen". Ludger Heidbrink Mit einem Beitrag von Jürgen Habermas; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1993; 198 S , 36 - DM