Der Angeklagte hatte einen "lustigen" Prozeß versprochen und dürfte mit dieser doppeldeutigen Ankündigung recht behalten. Das Verfahren vor der 28. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts gegen den Geld- und Devisenhändler Rolfdieter Kaiser sowie vier ehemalige Angestellte der DG Bank, die nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft einen der größten Fälle von Wirtschaftskriminalität in der Bundesrepublik zu verantworten haben, droht sich zur Farce zu entwickeln. Die Aussichten, daß der Ende Juni nach nur drei Verhandlungstagen unterbrochene und am nächsten Dienstag wieder beginnende Prozeß jemals die Hintergründe der unglaublichen Finanzaffäre aufklären wird, sind jedenfalls noch trüber geworden. Denn das inzwischen fertiggestellte Gutachten, von dem sich Richter Klaus Wiens weitere Hilfe bei der Wahrheitsfindung erhoffte, wirft mehr Fragen auf, als es Antworten liefert, und nährt Zweifel, ob die Anklagebehörde mit ihrer Beweisführung auf der richtigen Spur ist.

Für Staatsanwalt Walter Kind liegt der Fall gleichwohl sonnenklar. Er beschuldigt Rolfdieter ("Rolli") Kaiser, den ehemaligen Chefrentenhändler der DG Bank, Friedrich Steil, sowie drei frühere Kollegen Steils der Untreue beziehungsweise der Beihilfe. Die Fünfer-Bande soll zwischen 1987 und 1990 durch umfangreiche Wertpapiergeschäfte mit französischen Banken dem Frankfurter Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken einen Schaden von rund achthundert Millionen Mark zugefügt und elf Millionen Mark in die eigenen Taschen abgezweigt haben.

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft betrieb Steil über den Makler Kaiser einen schwunghaften Handel per Kasse und Termin mit festverzinslichen Wertpapieren, wobei gegenüber den französischen Instituten eine Rücknahmeverpflichtung bestand, die den zuständigen Stellen der DG Bank verschwiegen worden sei. Da die kurzfristigen Zinsen damals niedriger lagen als die langfristigen, die gehandelten Bundesanleihen also günstig zu refinanzieren waren und deshalb auch die Bank an den Geschäften verdiente, konnten die Beschuldigten der Anklage zufolge problemlos einen Teil der Gewinne auf Privatkonten umleiten. Kaiser soll außerdem noch riesige Maklerprovisionen kassiert haben. Doch als sich Ende 1989 die Zinsstruktur total drehte – die kurzfristigen Sätze stiegen über die langfristigen –, ging die Rechnung nicht mehr auf. Plötzlich entstanden erhebliche Verluste. Entdeckt wurden die Machenschaften, weil ein ähnliches Geschäft bei der DG Bank anders verbucht war als bei der ebenfalls zur genossenschaftlichen Finanzgruppe gehörenden Bausparkasse Schwäbisch Hall.

Als die Affäre Anfang 1990 ruchbar wurde, wollten der damalige Chef des genossenschaftlichen Instituts, Helmut Guthardt, und sein für das Wertpapiergeschäft verantwortlicher Vorstandskollege Herbert Schneider-Gädicke von all dem nichts gewußt haben. Schon damals konnte sich allerdings kaum jemand in der Branche vorstellen, daß ein solch gigantischer Coup ohne Kenntnis des Vorstands abgelaufen sein soll. Der DG-Bank-Chef weigerte sich zunächst, die bei den Franzosen geparkten Rentenpapiere im Wert von mehr als sechs Milliarden Mark zurückzunehmen, und warf ihnen vor, einen "Finanzkrieg" anzuzetteln, zog aber schließlich den kürzeren. Die Folge: Das ohnehin auf wackligem finanziellen Fundament stehende genossenschaftliche Geldhaus war gezwungen, die in den Effekten steckenden Kursverluste von rund 800 Millionen Mark abzudecken, und geriet in eine schwere Krise, von der es sich bis heute nicht erholt hat. Guthardt und Schneider-Gädicke mußten die Bank verlassen.

Gutachter Godehard Puckler, Geschäftsführer der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Wollert-Elmendorff Deutsche Industrie-Treuhand (Wedit), geht sowohl mit den Ermittlern als auch mit dem früheren Vorstand der DG Bank hart ins Gericht. Kriminalbeamten und Staatsanwälten wirft er vor, "nur bedingt taugliche Maßstäbe" bei der Beschreibung der verdächtigen Vorgänge angelegt und "aus welchen Gründen auch immer, nicht in dem Maße ermittelt" zu haben, "daß der vorgefundene Informationsstand eine schlüssige Erklärung hergeben würde".

Weniger vornehm ausgedrückt: Die zuständigen Staatsanwälte und Beamten des Bundeskriminalamts haben von Bankgeschäften nicht allzuviel Ahnung und einseitig-schlampig recherchiert. Andernfalls, so läßt sich aus dem Gutachten folgern, hätten sie auch näher untersuchen müssen, welche Rollen Guthardt und Schneider-Gädicke in dem Schelmenstück spielten.