Auch die seit zwei Jahrzehnten diskutierte Forderung, in der gesetzlichen Krankenversicherung nur noch eine Grundversorgung abzusichern und alle Mehrleistungen der Eigenvorsorge zu überlassen, ist zu vordergründig. Fast alle Anhänger der Grundsicherung passen, wenn sie die Grenze zwischen Grund- und Wahlleistungen definieren sollen. Die wenigen Beispiele, die oft genannt werden, sind eher skurril. MPS Hauptgeschäftsführer Frank E. Münnich nennt die Entfernung einer Warze als Beispiel für einen Leistungsfall, der nicht in die GKV gehört. Jenaoptik Vorstand Lothar Späth und McKinsey Chef Herbert A. Henzler plädieren in ihrem Buch "Sind die Deutschen noch zu retten?" dafür, "Schnupfen und andere kleine Risiken" zu privatisieren.

Das ist ein wenig zu einfach. Denn auch das kleine Risiko kann zum großen werden, wird es zu spät erkannt. Und dann wird die Behandlung erst recht teuer. Die Diskussion verkennt zudem, daß Überflüssiges oder gar Luxusmedizin schon heute nicht von der Krankenkasse erstattet werden darf. Der Tübinger Anatom Michael Arnold vom Lehrstuhl Gesundheitssystemforschung, einer der wenigen, die das Problem der Abgrenzung unvoreingenommen erörtern, legt immerhin einen diskutablen Ansatz vor. Die Absehbarkeit von Risiken wie Altersweitsicht oder auch die Vermeidbarkeit des Risikos von Zahnersatz durch Pflege könnte Maßstab für Ausgrenzung sein. Problematischer hingegen ist die Forderung nach einem Verzicht auf Leistung, wenn diese nachweislich keinen gesundheitlichen Nachteil hat. Wer weist zweifelsfrei nach, daß der Verzicht auf eine Vorsorgekur nicht doch schädlich sein kann.

Arnold hält es für sinnvoll, ärztliche Leistungen bei Sport- oder Autounfällen über Zusatzversicherungen abzusichern, um die Solidarkasse davon zu entlasten. Aber — müßte die Kasse dann nicht auch von den schleichenden Risiken umweltschädlicher Einflüsse an Arbeitsplätzen (Lärm und Luft) entlastet werden? Müßte nicht auch die Industrie die Kosten etwa für umweltbedingte Allergien übernehmen? Oder sollen dafür die Kranken über Zuzahlungen oder Zusatzversicherungen aufkommen?

Alle Modelle für Zuzahlung, Zusatzversicherungen, Regel- und Wahlleistungen bedeuten eine mehr oder weniger verkappte Rationierung. Die Selbstbeteiligung an medizinisch notwendiger Therapie kann überdies nachweisbar Ausgaben weder steuern noch gar verringern. Sie verlagert nur Kosten und öffnet den Anbietern neue Finanzierungsquellen. Wilhelm Heitzer, einer der beiden Vorstandsvorsitzenden des AOK Bundesverbandes, findet es denn auch "geradezu grotesk, daß wir uns in amerikanischen Exzessen üben sollen, wenn diesen Exzessen jenseits des Atlantiks von Präsident Clinton durch Anleihe beim deutschen System gerade der Garaus gemacht werden soll".

Eine "Phantomdiskussion" nennt der Augsburger Ökonom und SPD Bundestagsabgeordnete Martin Pfaff, langjähriges Mitglied des Sachverständigenrates der Konzertierten Aktion und Mitstreiter bei Seehofers Gesundheitsreform, die Rationierungsdebatte. In Wirklichkeit "zielt das nur auf eine sozialpolitische ""™ Umverteilung von unten nach oben".

Die nach wie vor reiche Bundesrepublik hat überhaupt keinen Grund, sich von ihrem bewährten System zu verabschieden.

"Rationierung nein, Ra tionalisierung ja", sagt Pfaff.