Bonner Begriffe – abgeklopft und erläutert von Carl-Christian Kaiser (I)

Referentenessen, das; die Bonner Abwandlung des Kannibalismus. Jedoch handelt es sich nicht um den direkten Verzehr von Menschen, sondern um eine sublimierte Form der Menschenschädigung. Außerdem betrifft das R. im Unterschied zum klassischen Kannibalismus nicht nur ein einzelnes Opfer, sondern alle Beteiligten. Andererseits ist das R. dadurch eingegrenzt, daß ihm meistens nur höhere Beamte und Funktionsträger ausgesetzt sind.

R. finden statt, wenn auf oberer Ebene, besonders bei Staatsbesuchen, etwas abgeklärt werden muß. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Abklärungen besteht das Privileg solcher Treffen darin, daß sie mit der Aufnahme von Nahrung verbunden sind. Diese kann jedoch kaum zur Kenntnis genommen oder gewürdigt werden, weil zugleich wichtige Angelegenheiten erörtert werden müssen. Darum gehören ausgebreitete Papiere und aufgeschlagene Aktenmappen ebenso zum Erscheinungsbild von R. wie die mechanische, wie geistesabwesend wirkende Art und Weise, in der die Nahrung konsumiert wird. Anspruchsvolle Teilnehmer bedauern diesen Umstand um so mehr, als bei R. oft Nahrungsmittel gehobener Qualität verwendet werden. Kritische Beobachter sehen deshalb in R. einen Akt der Barbarei. Sind die R. im weiteren Sinne ein Ausdruck der in der Politik verbreiteten Neigung, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen, so dienen sie im engeren Sinn vor allem der Zeitersparnis und insofern einem Bonner Fetisch.

Ob sich die Nahrungsaufnahme günstig auf die Regelung der zugleich in Rede stehenden Angelegenheiten auswirkt, ist nicht mit Sicherheit feststellbar, wird aber gemeinhin unterstellt. Dies gilt auch und besonders für die Gemütsverfassung der politischen Führungskräfte, die sich zu sogenannten Arbeitsessen versammeln. Der Begriff des Arbeitsessens weist einerseits auf das ununterbrochene Engagement der hochgestellten Politiker hin und verdeckt andererseits die Tatsache, daß es sich in der Regel um üppige Tafeln mit ausgewählten Speisen handelt. Im Grunde ist es jedoch auch hier wie bei den R.: Der volle Genuß der Speisen ist kaum möglich.

Wie bei den R. beklagen deshalb auch bei den A. sensible Geister, daß die Politik die Eßkultur ruiniere. Tatsächlich ist der Verfall weit fortgeschritten. So wurde ein deutscher Regierungschef schon beim abwechselnden, aber gleichzeitigen Verzehr von Linsensuppe und Pralinen beobachtet. Auch stellen Politiker gern ihre Bedürfnislosigkeit durch die öffentliche Zufuhr einfacher Nahrungsmittel zur Schau.

Im Ganzen wird sich der durch R. und A. beschriebene Sachverhalt auch semantisch kaum reduzieren lassen. Im Gegenteil: Die Grünen-Politikerin A. Vollmer hat bei Gelegenheit den Verschleiß an Führungskräften in den Begriff vom "Prominenten-Verzehr" gefaßt. Noch nicht durchgesetzt hat sich der Ausdruck "Arbeitsbegräbnis", wie er zuerst bei der Beisetzung Titos, später Andropows und Tschernjenkos verwendet wurde. Er bezeichnet die Konsultationen zwischen Spitzenpolitikern aus Anlaß des Ablebens eines prominenten Kollegen. Insider halten es jedoch für ausgemacht, daß dieser Begriff bei der nächsten bedeutenden Leiche abermals verwendet werden wird.

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