Bei kleinen Umsätzen war auf dem deutschen Aktienmarkt in den vergangenen Tagen kein klarer Trend zu erkennen. Die Großanleger haben ihre Bücher für 1993 schon weitgehend geschlossen und sind allenfalls bemüht, durch kleinere Zukäufe die Stabilität am Aktienmarkt aufrechtzuerhalten. Viel Mühe haben sie damit nicht, weil neuerdings wieder Kaufaufträge aus dem Ausland eintreffen. Sie werden in Erwartung weiterer Zinssenkungen vorgenommen und kommen demzufolge vorzugsweise den zinssensitiven Papieren, etwa Bankaktien, zugute.

Die festverzinslichen Wertpapiere profitierten diesmal jedoch kaum von der auflebenden Zinsspekulation. Der Rentenmarkt wird derzeit durch eine Reihe von Neuemissionen belastet, die teilweise mit für Deutschland ungewöhnlich langen Laufzeiten von zwanzig bis dreißig Jahren ausgestattet sind. Emittenten sind überwiegend die Bundesländer. Die Zeichnungsfreudigkeit für diese Papiere ist jedoch minimal. Einiges Material ist an ausländische Käufer gegangen, die damit auf Kursgewinne spekulieren. Ihrer inländischen Kundschaft empfehlen die Kreditinstitute den Erwerb von Rentenwerten mit kurzen und mittleren Restlaufzeiten.

Trotz der vorhandenen hohen Liquidität ist der Zufluß neuer Mittel in den Aktienmarkt nur mäßig. Weil der erhoffte Konjunkturaufschwung auf sich warten läßt, korrigieren einige Analysten ihre Gewinnschätzungen für 1994 nach unten. Dadurch erscheinen deutsche Aktien noch teurer. Nach dem durchschnittlichen Kurs/Gewinn-Verhältnis gerechnet, haben sie ein in der Nachkriegsgeschichte einmaliges Niveau erreicht. Besorgt stellt sich mancher Börsianer die Frage, was geschehen wird, wenn der Zinssenkungstrend zum Stillstand kommt.

Dividendensenkungen dagegen können gegenwärtig die Stimmung kaum trüben. Der angekündigte Dividendenausfall bei Thyssen hat den Kurs nur unwesentlich berührt. Es wird auf wieder steigende Erträge spekuliert. Die Lufthansa-Aktie profitierte vom Platzen der Fusionsverhandlungen zwischen KLM, Swissair und Austrian Airlines und gesunkenem Ölpreis. Bei der Commerzbank dämpft zur Zeit die angekündigte Kapitalerhöhung den Kursanstieg. Mit Spannung warten die Börsianer auf den Ausgabekurs für die jungen Aktien, der diesmal wohl in der Nähe von 300 Mark liegen dürfte. K.W.