Von Isabella Herskovics

Ein Mensch, den ich liebte und der mir sehr nahe stand, begann eines Tages Stimmen zu hören. Er versteckte vor ihnen alles, was ihm wert war, und wenn er es nicht wiederfand, dann lastete er den Verlust den Geistern an, die ihn nicht mehr verließen. In seiner Not blieb er sehr einsam. Wie hilflos ich war. Wie wenig die Ärzte in der Psychiatrie helfen konnten. Wie viele Menschen dorthin, in die geschlossenen Abteilungen verbannt werden, weil wir ihren Wahrnehmungen nicht mehr folgen können und sie für verrückt erklären.

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Yoshi Oida hüllt sich in eine Decke ein. Er schließt die Augen, in sein Gesicht tritt der Ausdruck der friedlichen Abwesenheit eines Schlafenden. Japanische Musik ist leise zu hören. Sie wird lauter, und er wacht auf von diesem son joli. Die Töne werden immer durchdringender, er reagiert erschrocken, weil "das Radio", wie er meint, seine Hausgenossen wecken könnte. Er versucht es abzustellen und erkennt, daß die heimatlichen Klänge nicht aus dem kleinen Apparat kommen. "Ich frage mich", sagt er ratlos, "ob das Radio in meinem Kopf ist?" Er hält sich die Ohren zu, die Musik hört für einen Moment auf – und fängt wieder an. Ein anderes Musikstück ertönt. Es weckt Erinnerungen. Yoshi Oida gibt den Kampf gegen die unerklärlichen Klänge auf. Sein Gesicht verklärt sich. Er sieht seine Mutter, seinen Vater, er beginnt japanisch zu sprechen, und während er hingegeben lauscht, was ihm das Glück der vergangenen Töne offenbart, wird sein Gesicht ganz jung. "Ich habe meine Kindheit wiedergefunden", flüstert er beseligt, "die Tür zu meiner Vergangenheit hat sich geöffnet."

Ein Arzt betritt die Szene, zerstört, was den Augen nicht sichtbar ist durch seine funktionierende Geschäftigkeit, verabreicht eine Tablette und ein Glas Wasser – und das Geschehene ist ausgelöscht. Die Musik hört auf, das Gesicht des Schauspielers wird leer und ausdruckslos, der Körper fällt resigniert in sich zusammen. Die Hoffnungslosigkeit der Gegenwart siegt über die Kraft der Imagination.

Die dreizehn Fallgeschichten, die uns Zuschauern in "L’homme qui" auf der Bühne vorgeführt werden, sind in der Inszenierung von Peter Brook dank der konzentrierten Kunst seines kleinen Ensembles keine melodramatischen "Fälle". Das Geheimnis dieser Inszenierung ist, daß sie ganz ohne Theater auskommt. Die "theatralische Recherche" nach dem Bestseller des amerikanischen Neurologen Oliver Sacks, "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte", vereint das Erschreckende und das Tröstliche in all diesen unerklärbaren Vorgängen des verwirrten Seins.

Gäbe es so etwas in der internationalen Schauspieltruppe von Peter Brook, so könnte man Yoshi Oida ohne weiteres einen "Star" nennen! Seit 1968 gehört er zu den Schauspielern, die Brook im Verlauf seiner 25jährigen Arbeit in Paris um sich versammelt hat.