Hoffnungsfroh und huldvoll sandte Professor Müller aus Berlin 1782 ein Exemplar der von ihm edierten ersten Gesamtausgabe des Nibelungenliedes an den preußischen König. Nach geraumer Zeit antwortete der große Friedrich, denkbar deutlich und ganz nach seiner Fagon: "In meiner Büchersammlung wenigstens würde ich dergleichen elendes Zeug nicht dulden, sondern herausschmeißen Peng!

Und? Kein Trost aus Weimar? - Gar keine Antwort!

Bei Goethe lag die Müller Ausgabe - "leider ungeheftet" - zwischen Wegebauplänen, Finanzakten und botanischen Studien, er "blieb so stumpf dagegen wie die übrige deutsche Welt" und las nur "zufällig" eine Seite, "die nach außen gekehrt war". Später sollte er sein Urteil revidieren und jeden Mittwoch den Damen aus dem "köstlichen Werk" rezitieren: "Am besten glückt ein solcher Vortrag ganz aus dem Stegreife " Erst die Romantiker hoben begeistert den mittelalterlichen Hort und machten ihn zum epischen und dramatischen Renner des 19. Jahrhunderts. Fouque, Raupach, Geibel, man drechselte Stabreime und schmiedete Blankverse.

Nationale Freud geriet da allzuoft zur unfreiwilligen Komik, und selbst Hebbels angestrengter Versuch, aus dem Epos ein Drama herauszuschälen, läppt hin und wieder ins Banale. Da gleitet Siegfried auf die Bühne und mimt so nur nichts, dir nichts den naiven, dummdreisten Protz: "Ich grüß dich, König Günther von Burgund! - Du staunst, daß du den Siegfried bei dir siehst?. Er kommt, mit dir zu kämpfen um dein Reich!" Wer die (Ballast )Stoffgeschichte kennt, muß den Weg um so mehr würdigen, den Franz Fühmann mit seiner Bearbeitung der Nibelungen eingeschlagen hat: Einfachheit statt falscher Ambition; da wird etwas neu erzählt und hält doch durch sparsam eingesetzte sprachliche Altertümlichkeiten die Ahnung eines weit entfernten Zeitalters, einer fremden Welt wach. Keine "Sprache aus Stein", keine "gereimten Quader" mehr (so Heines wunderschöne Kurzbeschreibung), aber doch der Nachhall des Ungeheuren.

Peter Fitz liest das alles wie ein Berichterstatter, der nie ganz verhehlen kann (und will), daß er Staunenswertes zu erzählen hat. Und keine falschen Effekte, keine Ablenkungen; in den Überleitungen auf der rinnischenHarfeein musikalisches "Es war einmal ", ansonsten das reine Zuhören (ab neun Jahren vielleicht), ohne Gleichlaufschwankungen. Reinhard Osteroth Erzähler: Peter Fitz; Regie: Charlotte Niemann; Produktion: Radio Bremen, 1988; Sechs Kassetten; Deutsche Grammophon (Junior), Hamburg 1993; Preis je circa 12 - DM