Von Ernst Klee

Das Beispiel steht für viele: Nach einer Behindertentagung bummelten wir über einen Vergnügungspark. Mein Begleiter war auf den Rollstuhl angewiesen, konnte aber kurze Strecken laufen. Er ging in eine Halle, um zu flippern. Ich hatte dazu keine Lust, setzte mich in seinen Rollstuhl und schäkerte mit unserer Begleiterin. Kaum hatte ich im Rollstuhl Platz genommen, wurden mir von Passanten die ersten Geldstücke in den Schoß geworfen.

Wer im Rollstuhl sitzt, und sei es auch nur zufällig, bekommt Almosen ab, denn Behinderte werden selten als Menschen, sondern meistens als Objekte des Mitleids gesehen. Einen wesentlichen Beitrag zu dieser Art der Wahrnehmung leistet eine Fernsehinitiative, die vordergründig für Behinderte eintritt: die Aktion Sorgenkind des Zweiten Deutschen Fernsehens. Die laut ZDF "größte Fernsehlotterie der Welt" verbindet Gewinnspiel, Unterhaltung ("Der Große Preis") und Spendensammlung für die Behinderten.

Seit 29 Jahren animieren die Mainzer Mitleidsmanager zu ausgefallenen Aktivitäten zugunsten der "Sorgenkinder": Auf Sylt wurde das längste Badetuch der Welt zerschnitten und verkauft; im Eifelort Olmscheid verspeisten mildtätige Zeitgenossen die längste Fleischwurst der Welt und in Wuppertal das längste französische Weißbrot; vier Taucher spielten einmal 36 Stunden "Mensch ärgere Dich nicht" unter Wasser, während ihre Betreuer am Beckenrand für die Sorgenkinder sammelten.

Im Mittelpunkt der Wohlfahrtsshow steht immer der edle Spender. In Erinnerung ist mir ein Fußballspiel zwischen Sportjournalisten und einer Hotelmannschaft aus Köchen, Oberkellnern und Barkeepern. Die Journalisten gewannen 7 : 1, und die Lokalpresse textete: "Die eigentlichen Gewinner waren die Kinder." Ganze 500 Mark für die Aktion Sorgenkind erbrachte die Kickerei, tatsächlich gewonnen hatte jedoch das Hotel, das mit wenig Aufwand Gelegenheit zu billiger Werbung bekam.

Viele Behinderte fühlen sich inzwischen durch die Aktion Sorgenkind verunglimpft, weil sie sich hier zu Spendenobjekten degradiert sehen und ihnen auch als Erwachsenen noch das Sorgenkind-Image anhaftet. Eine "radikale Reform der Aktion Sorgenkind" hat kürzlich der Behindertenverband "Interessenvertretung Selbstbestimmtes Leben" gefordert; mit dem Auslaufen der Fernsehsendung "Der Große Preis" Ende des Jahres biete sich nun die Chance, insbesondere "mit ihrer für Behinderte entwürdigenden Werbepraxis kritisch ins Gericht zu gehen".

Die Selbstverständlichkeit, mit der Behinderte in die Almosenecke gestellt werden, ist eine verhängnisvolle Diskriminierung. Die Spender ahnen die unerwünschten Folgen ihrer Wohltätigkeit nicht, wird ihnen doch suggeriert, Spenden ersetzten eigenes Handeln. Im August berichtete die Zeitschrift Aktion Sorgenkind aktuell (Auflage 200 000) über den Allgemeinen Deutschen Tanzlehrer-Verband und den Welttanztag. ZDF-Intendant Dieter Stolte in einem Grußwort: "Der wichtigste Schritt des Welttanztages ist das Zugehen auf die Behinderten durch den Spendenerlös." Man tanzt nicht mit ihnen, man sammelt für sie. Das gute Gewissen kostet nicht viel: ein Lotterielos, eine Spende für die "Sorgenkinder".