Wer hält sich in unsicheren Zeiten nicht gern an altbewährte Rezepte? Übersetzt für das Geschäft mit Büchern heißt das: Erotik, das läuft doch immer. Und auch was schon unseren Urgroßvätern das ungestrafte Vergnügen an heiklen "Stellen" ermöglichte, gilt offenbar nach wie vor: Was sich mit Forschung & Bildung verhüllt, kann so verderbt gar nicht sein und bürgerlichen Moralvorstellungen nicht gefährlich werden.

So etwa kann erklärt werden, wie es anno 1993 zu einem solchen Titel kommt: "Käufliche Lust. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Prostitution", erschienen in der Edition Leipzig.

Vielleicht ist es tatsächlich unwichtig, daß der Autor (männlich) verschweigt, wie vertraut er selbst mit seinem Thema ist. Wichtig aber wäre gewesen zu wissen, welches Publikum er bei seinen Streifzügen durch die Doppelmoral der Jahrhunderte im Auge gehabt hat: Männer (Ost), die die kleinbürgerlich prüde DDR überlebt haben und noch nicht Beate Uhse Stammkunden geworden sind? Unbescholtene Frauen (West), die wissen wollen, wie es zugeht und zugegangen ist in Puffs und Separees? Wißbegierige Pubertierende auf der Suche nach erotischer Ersatzbefriedigung? Jene unvermeidlichen Oberstudienräte, die schnalzend die Details des schwülen Sujets zu schätzen wissen? Verbotene Lust hat ihre Fallen. Fest steht: Es ist eben doch die Schlüsselloch Perspektive, die das Thema dominiert. Gerade noch vermieden wird die schenkelklopfende Herrenwitz Attitüde, die Frauen zu Ware und Objekt degradiert. Redlich bemüht sich der Autor, das anrüchige Thema frisch parfümiert aufzurollen. Detailfreudig und abgesichert - nicht zu trokken, nicht zu lüstern - wird verraten, was Mann doch nicht für möglich gehalten hätte. Wie toll es doch die alten Römer trieben. Von Tempeldienerinnen der Liebe und den Sünderinnen der Antike, von mittelalterlichen Badehäusern und Galanterien bei Hofe. Von Syphilis, der unvermeidlichen, von Skandalen und so manchen unvermuteten Fehltritten ehrenwerter Herren. Die Frage ist: Wie relevant kann eine solche positivistische Darstellung sein in Zeiten von Aids und Drogenprostitution, von Sex Tourismus in die Dritte Welt und neuem HurenSelbstbewußtsein Marke "Hydra"? Die Zeiten für ein augenzwinkerndes Geplauder über den käuflichen Lustgewinn als solchen sind endgültig vorbei. Und das ist weniger der Angebotsinflation via RTL, Video und Btx zu verdanken als den Frauen, die es nicht mehr glauben wollen: Männer zahlen, und Frauen zahlen drauf.

Auswahl und brave Gegenüberstellung der Illustrationen erinnern streckenweise an den Kunstkalender der fünfziger Jahre: Lucas Cranach und Toulouse Lautrec, William Hogarth und George Grosz, wie gehabt und wenig überraschend. Das Panoptikum der Gegenwart wird beispielsweise bebildert mit dem Titelblatt von Teresa Orlowskis Sex Magazin, einer Prostituierten mit Zuhälter und einer Luftaufnahme der Hamburger Herbertstraße. Ob dies den Aufklärungsanspruch noch erfüllt? Bild bringt derlei täglich.

Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Prostitution; Edition Leipzig, Leipzig 1993; 196 S, Abb, 84- DM